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Die Akte Tanner

von

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Prolog

Es war ein ganz normaler Frühsommernachmittag auf dem Chicagoer Flughafen

O'Hare. Wie immer zur Hauptverkehrszeit war die Ankunftshalle überfüllt. So

kümmerte sich auch niemand weiter um den Mann, der gerade ankam. Warum

sollten sie auch? Er war ein Flugpassagier wie Tausende andere auch. Gut,

er sah etwas seltsam aus: Einerseits machte er in den schwarzen Jeans und

dem weissen T-Shirt einen ausgesprochen lässigen Eindruck. Die schwarze

Lederjacke, die er sich über die Schulter geworfen hatte, verstärkte den

Eindruck noch. Andererseits passten seine traurigen Augen überhaupt nicht

ins Bild.
 

Der Mann schaute sich um. Anscheinend suchte er irgendjemanden. Viele

Firmen und Reisebüros hatten ihre Empfangsdamen und -Herren geschickt. Aber

auf keinem der Schilder schien sein Name verzeichnet zu sein. Schliesslich

entdeckte er in einer Ecke einen Mann in einem schwarzen Anzug, der Zeitung

las. Das schien die Person zu sein, die er suchte, denn er ging geradewegs

auf sie zu.

"Mr. Smith?", fragte er.

Der angesprochene schaute von der Zeitung auf. Dann legte er sie zusammen,

und bot seinem Gegenüber freudig die Hand. "Mr. Tanner! Willkommen in den

USA. Ich bin von der Aussenstelle Chicago. Es ist mir eine Ehre, sie

persönlich begrüssen zu dürfen."

Tanner ergriff Smiths Hand nicht. Sein Blick verfinsterte sich etwas. Die

peinliche Situation blieb ein paar Sekunden lang bestehen.

"Es wäre mir lieber, wenn Sie meinen Namen nicht quer durch die Halle

schreien würden", sagte Tanner schliesslich.

Smith liess seine Hand sinken.

"Könnten wir jetzt zur Sache kommen?", fragte Tanner.

"Ja, natürlich", meinte Smith etwas verwirrt. Er zog einen Umschlag aus

einer Tasche seines Anzugs. "Dieser Umschlag enthält alle nötigen Papiere.

Reisepass, Führerschein, und so weiter. Die Lizenzen für die Waffen sind

auch drinn."

Tanner nahm den Umschlag entgegen, und begann, den Inhalt durchzusehen.

"Wollen Sie Ihre Waffen wirklich behalten?", fragte Smith. "Die werden

Ihnen noch auf die Spur kommen."

"Meine Spur wurde sehr gut verwischt. So einfach bin ich nicht zu finden."

Plötzlich stutzte Tanner. Er zog einen zweiten, kleineren Umschlag aus dem

ersten.

"Ihre Schlüssel", erklärte Smith.

Tanner nickte, und legte den kleinen Umschlag zurück in den grossen. "Wo

werde ich wohnen?", fragte er.

"Die Adresse ist auf einem Zettel im Handschuhfach ihres Wagens."

"Und mein Wagen?"

"Ist in der Flughafengarage." Smith kramte einen Parkschein hervor, und

hielt ihn Tanner hin.

"Muss ich etwa die Parkgebühr bezahlen?", fragte Tanner in einem

erstaunlich sachlichen Ton.

"Es soll doch wie echt aussehen", erwiderte Smith.

"Ja", sagte Tanner, und nahm den Parkschein. "Ich hoffe für Sie, das

niemand mitgehört hat."

Reine Routine

Zwei Monate später...
 

In letzter Zeit war es ziemlich ruhig. Es kamen kaum Kunden in den

Waffenladen "Gunsmith Cats". Auch die Kriminellen blieben brav hinter

Gittern. Rally Vincent, Ladeninhaberin und Teilzeit-Prämienjägerin,

langweilte sich also. Sie stand im Laden, auf ein Wunder hoffend, das ihr

etwas Abwechslung verschaffen würde.
 

Das Wunder kam in Form ihrer kleinwüchsigen Assistentin May. "Da ist ein

Fax für dich angekommen", sagte sie.

"Ein Auftrag?", fragte Rally hoffnungsvoll.

"Ja, aber der lohnt sich kaum. Er bringt gerade mal 2000 ein."

"Na egal, gib her. Irgendwas muss ich tun, sonst roste ich ein."

Rally sah sich das Fax an. Zunächst sah es wirklich nach nichts besonderem

aus. Ein kleiner Drogenhändler namens Arthur Cogan. Doch die Beschreibung

der Umstände der Festnahme hielt eine Überraschung bereit.

"Du, da steht, dass er zehn Kilo 'Kerosin' auf sich trug, als er geschnappt

wurde."

"Zehn Kilo?", echote May überrascht.

'Kerosin' war eine neuartige und sehr gefährliche Designerdroge, die von

Rallys Erzfeindin, der Drogenbaronin Gordi, entwickelt wurde. Nach Gordis

Rückkehr nach Italien waren die Preise ins Unermessliche gestiegen. Zehn

Kilo waren ein kleines Vermögen. Für Rally war der Fall damit jedenfalls

klar: Sie würde den Auftrag übernehmen. Sie war ohnehin nicht besonders gut

auf Drogen zu sprechen, aber Kerosin stand weit oben auf ihrer

Abschussliste.

"Also schön", sagte sie sich.

"Du nimmst an", meinte May, wenig überrascht.

"Ja", erwiderte Rally knapp. "Kannst du kurz den Laden übernehmen, während

ich telefoniere?"

"Ach, du meinst nur für den Fall, das ein Kunde kommen könnte?" kicherte

May.

Rally warf ihr einen finsteren Blick zu, sagte aber nichts. Sie ging zum

Telefon.
 

Rally bestätigte telefonisch, dass sie den Auftrag annehmen würde. Sie

würde anschliessend noch kurz vorbeifahren müssen, um den Vertrag zu

unterzeichnen. Aber vorher wollte sie noch Becky, ihre Informantin,

anrufen.

"Hallo?", klang Beckys Stimme aus dem Telefon.

"Hallo Becky. Ich bins, Rally."

"Oh, Hallo Rally. Hast du etwa auch noch einen Auftrag für mich?"

"Wie? Bist du etwa beschäftigt?"

"Und wie. Es ist auch ein ziemlich dicker Brocken dabei."

"Na toll, und ich sitz hier auf dem trockenen. Die Welt ist nicht gerecht.

Hast du trotzdem noch Platz für einen kleinen Auftrag?"

"Klar doch. Du bist doch eine alte Freundin. Da lässt sich immer was

machen."

"Danke Becky."

"Vorausgesetzt natürlich, es ist gut bezahlt."

Eine kurze Stille folgte diesen Worten.

"Wie bitte?", fragte Rally. "Also einen kleinen Anreiz musst du mir schon

geben, wenn ich für dich suchen soll. Immerhin muss ich dafür einen gut

bezahlten Job aufschieben. Und ausserdem..."

"Na gut, dann eben nicht", unterbrach Rally verärgert, und hängte den Hörer

ein.

"Jetzt sei doch nicht gleich sauer", sagte Becky, bekam aber als Antwort

nur noch das Freizeichen zu hören. "Mann."
 

Rally war aber sauer. Becky schien gelegentlich zu vergessen, was wichtiger

war: Geld oder die Freundschaft. Zwar hatte sie Rally auch schon aus

brenzligen Situationen geholfen. Hinterher hatte sie aber jeweils eine

gepfefferte Rechnung gestellt. Mit diesen Gedanken im Kopf ging Rally

zurück in den Verkaufsraum.

"May", sagte sie, "ich muss weg."

"Den Vertrag unterzeichnen, nehme ich an?"

"Nicht nur. Becky will derzeit keine Aufträge annehmen, wenn sie nicht gut

bezahlt sind. Ich muss also selbst nach unserem 'Kunden' suchen."

"Soll das heissen, du gedenkst mich den ganzen Tag im Laden allein zu

lassen?"

"Tut mir leid, May. Aber für so einen kleinen Fisch kann ich nicht den

Laden schliessen."

"Warum denn nicht? Mach doch einfach mal Betriebsferien."

"Wir können nicht einfach Betriebsferien beschliessen. Sonst verlieren wir

noch den Rest der Kundschaft."

"Dann gib den Laden doch auf, und werde hauptberuflich Prämienjägerin."

"Nein, May. Ich bin immer noch in erster Linie Büchsenmacherin."

May gab sich geschlagen: "Na schön. Aber ich werd mich hier wieder zu Tode

langweilen."

"Hör zu, May: Wenn ich Cogan gefunden habe, ruf ich dich an, und wir

schnappen ihn gemeinsam. Ist das ein Angebot?"

"Das klingt schon besser!"

"Also, einverstanden?"

"Klar. Aber vergiss es nicht. Sonst wär ich in Zukunft vorsichtiger beim

Drehen des Zündschlüssels", sagte May mit einem diabolischen Grinsen.

"Wag das ja nicht", erwiderte Rally. May hatte ihr schon einmal die

Motorhaube weg gesprengt. Rally wusste daher, wozu May fähig war.
 

Der Vertrag war schnell unterschrieben. Anschliessend fuhr Rally zum

Polizeipräsidium. Cogan war dort kein Unbekannter. Seine Akte war dick

genug, jemanden zu erschlagen. Schliesslich erhielt Rally, nicht ganz

legal, eine Liste mit häufigen Aufenthaltsorten. Es war eben von Vorteil,

mit der Polizei gut auszukommen. Die Liste war allerdings ziemlich lang,

und Rally war den ganzen Tag beschäftigt.
 

Gegen Abend, die Sonne stand schon tief, hatte sie endlich Glück: Es

handelte sich um eine kleine Hütte, etwas ausserhalb von Chicago. Der

Rollladen am Fenster war unten, aber ein Lichtschimmer verriet, dass die

Hütte bewohnt war. Rally lies den Wagen ohne Licht bis vor das Häuschen

rollen. Das Türschloss war anscheinend schon vor langer Zeit heraus-

gebrochen worden, so dass unterhalb der Türfalle ein Loch in der Tür

klaffte. Das erlaubte Rally, einen vorsichtigen Blick hinein zu werfen.

Kein Zweifel: Da sass Cogan hinter einem Tisch, und schien irgend etwas zu

studieren. Rally hätte ihn jetzt einfach festnehmen können, aber

schliesslich hatte sie May etwas Action versprochen. Also fuhr sie den

Wagen wieder vorsichtig in die Stadt zurück. Dort erst rief sie May an.
 

"Hallo May."

"Ah, es wird allmählich Zeit, das du anrufst. Es war den ganzen Tag lang

kein Kunde da. Du lässt mich hier einfach verrotten!"

"Oh, tut mir leid, dass dein Tag nicht so aufregend war, wie meiner",

meinte Rally mit vor Sarkasmus triefenden Stimme. "Aber ich hab eine gute

Nachricht für dich."

"Du hast ihn gefunden?"

"Ja."

"Und du hast ihn noch nicht geschnappt?"

"Nein."

"Bleib, wo du bist. Ich bin in fünf Minuten bei dir."

"Warte, warte. Soll ich dir nicht erst sagen, wo ich bin?"

Ob so viel Enthusiasmus musste Rally grinsen. Aber sie konnte May

verstehen: Es war in den letzten Tagen wirklich langweilig gewesen.
 

Es dauerte dann doch ganze zwanzig Minuten, bis May ankam. In dieser Zeit

hatte Rally ständig Cogans Hütte überwacht. Dabei war ihr etwas

aufgefallen: Cogan hob in unregelmässigen Abständen eine Lamelle an. Rally

vermutete, dass Cogan jedesmal, wenn er ein Geräusch hörte, nachschauen

ging, was los war. Er war also nervös. Rally gefiel das nicht, denn das

machte ihn unberechenbar.
 

Schliesslich bog ein kleiner, weisser Fiat um die Ecke. Daraus stieg eine

energiegeladene May, der es offensichtlich nicht früh genug los gehen

konnte. "Da bin ich!", rief sie fröhlich. "Ging doch schnell, oder?"

"Schnell?", fragte Rally. Sie schaute auf die Armbanduhr. "Na ja, für

deinen Wagen vielleicht."

"Na na. Immerhin ist mein Kleiner trotz seines Alters deutlich weniger in

der Werkstatt, als dein stolzer Cobra."

May berührte mit voller Absicht einen wunden Punkt. Die Reparaturkosten,

die für den Cobra so aufliefen, hätten Rally schon lange in den Ruin

getrieben, wäre da nicht ihr einträgliches 'Hobby'. Andererseits

resultierten die meisten Beschädigungen eben daraus... Jedenfalls hatte

Rally keine Lust, um diese Zeit irgendwo am Stadtrand einen Streit zu

beginnen. Also sagte sie nur: "Schon gut. Schnappen wir ihn uns, bevor die

Sonne untergeht."

"Wo steckt er denn?", fragte May.

Rally deutete über ihre Schulter zur Hütte. "Da drinn", sagte sie knapp.

"Echt? Ist ja nett von ihm, selbst in die Reuse zu latschen. Soll ich ihn

ausräuchern?"

"Geht nicht. Vor dem einzigen Fenster ist ein Rollladen. Ich denke, wir

machens wie damals, als wir Ken gesucht haben."

"Okay!"
 

Langsam liess Rally den Wagen vor anrollen. Der Plan sah vor, unerkannt zu

Tür zu kommen, eine Granate mit Betäubungsgas rein zu schmeissen, und Cogan

hinterher einfach aufzulesen. Als sie jedoch die halbe Strecke zur Hütte

hinter sich hatten, beschloss Cogan, aus welchem Grund auch immer, heraus

zu schauen. Vermutlich hatte er wieder irgend etwas gehört. "Scheisse,

jetzt hat er uns gesehen!", rief Rally. Sie drückte das Gaspedal durch. Der

Cobra freute sich lautstark über die plötzliche Benzinzufuhr. Die Räder

drehten durch, doch als sie auf der schlechten Strasse halt fanden, machte

der Wagen einen ordentlichen Satz nach vorne. Innert weniger Sekunden waren

Sie am Ziel. Rally bremste scharf. Sie sprang aus dem Wagen, und rannte zur

Hütte. May tat es ihr gleich. Sie postierten sich je auf einer anderen

Seite der Tür. May machte die Granate bereit. Als sie fertig war, trat

Rally einen Schritt zurück, um die Tür einzutreten. Doch sie kam nicht

dazu: Eine Kugel flog durch die geschlossene Tür, und verfehlte Rally nur

knapp. Rally drückte sich wieder gegen die Wand neben der Tür. Sie fluchte:

Genau darum hasste sie übernervöse Typen. Aber sie wusste auch genau, wie

es weitergehen würde: Cogan würde sein Magazin leer schiessen, und dann

versuchen, durch das Fenster zu flüchten. Sie musste nur schneller sein.

Ihre Vermutung schien sich zu bewahrheiten: Nachdem sechzehn weitere Kugeln

die Tür in ein Sieb verwandelt hatten, hörte die Schiesserei plötzlich auf.

Rally konnte noch das Geräusch des eiligst hochgezogenen Rollladens hören,

und beeilte sich daher. Doch als sie zum zweiten Mal versuchte, die Tür

einzutreten, zerschnitt ein scharfer Knall die kurze Stille. Rally starrte

erschrocken auf das Loch, das die Kugel in die Tür gerissen hatte. Der

Knall und die Form des Lochs liessen keinen Zweifel zu: Das war die Kugel

eines Sturmgewehrs.
 

Ein beherzter Tritt liess die Tür aufschwingen. Ein Loch im

gegenüberliegenden Fenster zeigt deutlich, woher die Kugel gekommen war.

Cogan lag davor auf dem Rücken, und machte keinen besonders gesunden

Eindruck. Geistesgegenwärtig holte May ihren Feldstecher aus dem Wagen.

Damit rannte sie zum Fenster, und suchte die Umgebung ab.

"Und?", fragte Rally, während sie sich über Cogan beugte.

May schaute angestrengt durch den Feldstecher. Schliesslich setzte sie ihn

ab, und schüttelte den Kopf. "Ich hab den Schützen ausgemacht. Aber die

Sonne blendet mich. Ich kann nichts erkennen." Sie seufzte, und wandte sich

Rally zu. "Das Gewehr hatte eine etwas seltsame Form. Ich denke, ich werde

es wiedererkennen."

"Das wird uns vermutlich nicht viel bringen", meinte Rally, "aber es ist

besser als nichts."

"Wie gehts den unserem Kunden?"

Rally grinste. "Besser, als er es verdient. Die Kugel hat nur seine

Schulter gestreift. Er ist glatt ohnmächtig geworden."

May griff sich an die Stirn. "Ach du meine Güte", sagte sie. Dann wanderte

ihr Blick auf den Tisch, an dem Cogan zuvor gesessen hatte. "Du Rally,

schau mal."
 

Langsam öffnete Cogan die Augen. "Ich... ich lebe ja noch", sagte er

langsam.

"Scharf erkannt", erwiderte Rally.

Cogan sah sich erschrocken um. Er lag auf einer Pritsche in einem Raum, der

ihn unangenehm an eine Gefängniszelle erinnerte. Die Tür stand offen, aber

Rally sass auf einem Stuhl genau davor. Cogan setzte sich auf. "Wer sind

Sie?", fragte er. "Wo bin ich hier? Was wollen Sie von mir?"

"Ein bisschen viele Fragen auf einmal", meinte Rally. "Also der Reihe nach:

Mein Name ist Rally Vincent. Ich bin Prämienjägerin. Und ich habe Sie

gerade festgenommen. Dies hier ist mein Spezialraum für besondere Gäste wie

Sie. Und punkto meiner weit..."

"Sie haben kein Recht, mich hier festzuhalten!", unterbrach Cogan. "Sie

sind nicht die Polizei. Das ist Freiheitsberaubung. Ich verlange, sofort

auf freien Fuss gesetzt zu werden."

"Ich habe das Recht, Sie so lange fest zu halten, bis ich Sie der Polizei

übergeben habe."

"Aber Sie müssen mich auf dem direkten Weg zur Polizei bringen. Das

hier..."

"Ja!", sagte Rally mit einer Schärfe, die Cogan Einhalt gebot. "Ehrlich

gesagt, ich bereue es bereits, Sie nicht direkt der Polizei übergeben zu

haben. Aber ich glaube nicht, dass dies in Ihrem Interesse liegen würde."

Cogan verstand nicht. "Wie?", fragte er.

"Wir haben auf Ihrem Schreibtisch ein paar Dinge gefunden. Eine Karte von

Chicago mit eingezeichneten Fluchtwegen, Karten von verschiedenen anderen

Städten, und diesen netten Brief hier." Rally hielt ein Stück Papier hoch.

Cogan erblasste. "Das... Das dürfen Sie nicht..."

Rally begann vor zu lesen: "Hallo Stevenson, Sie alter Aasgeier. Ich weiss

wo Ihr Drogenlabor ist. Wenn Sie nicht wollen, dass die Polizei es erfährt,

und so weiter, und so weiter." Rally faltete den Brief wieder zusammen.

"Ich nehme an, das hier ist eine Kopie. Das Original haben Sie bereits

verschickt, richtig?"

"Woher... woher wissen Sie...?"

"Ganz einfach Sie Idiot! Jemand hat auf Sie geschossen. Und das waren nicht

wir! Raten Sie mal, wer es gewesen sein könnte."

Das letzte bisschen Farbe wich aus Cogans Gesicht. Er wollte etwas sagen,

brachte aber keinen Ton über die Lippen.

"Sie sitzen ganz schön in der Scheisse, mein Lieber."

Interview mit dem Vampir

Rally kam die Treppe hoch, und ging in den Verkaufsraum. May

wartete dort bereits auf sie. Sie ass Pizza.

"Hey, konntest du nicht auf mich warten?", fragte Rally.

"Die wäre sonst nur kalt geworden", meinte May.

"Und da wolltest du sie in deinem Magen wärmen, oder was?"

Rally nahm sich selbst ein Stück. Befriedigt stellte sie fest,

dass es noch einigermassen warm war.

"Und? Hat er gesungen?", fragte May.

"Mmm" Rally nickte, und schluckte. "Viel mehr weiss ich jetzt

allerdings auch nicht. Dieser Stevenson, den Cogan zu erpressen

versuchte, ist sein Boss. Oder zumindest gewesen."

"Er hat versucht, seinen Boss zu erpressen? So ein Idiot."

"Tja" Rally vernichtete den letzten Rest ihres Pizzastücks, und

nahm sofort ein weiteres. "Die ganze Geschichte könnte aber von

Vorteil für uns sein. Ich habe Cogan versprochen, ihn vor

Stevenson zu schützen. Im Gegenzug hat er mir den Standort des

Drogenlabors verraten."

"Du hast doch nicht etwa vor..."

"Wir könnten uns zumindest mal umsehen." Rally bis herzhaft in

ihr neues Stück Pizza.

"Das könnten wir auch der Polizei überlassen."

Rally schluckte den Bissen hinunter. Sie schüttelte den Kopf.

"Die Polizei wird das Labor nicht hochgehen lassen, nur weil

Cogan behauptet, es sei dort. Dazu ist er zu unglaubwürdig. Und

bevor ich seine Geschichte bestätige, will ich selbst wissen, ob

sie stimmt."

May schaute Rally misstrauisch an. Rally reagierte nicht.

Seelenruhig ass sie den Rest des Pizzastücks.

Als sie nach dem dritten, und letzten, griff, fragte sie: "Was

ist eigentlich mit dem Gewehr?"

May deutete auf einen Stapel Kataloge. "Die hab ich durchsucht",

sagte sie.

"Und?"

"Nix."

Das hatte Rally befürchtet. Sie verkaufte eigentlich nur Sport-

und Jagdgewehre. Darum hatte sie nur wenige Kataloge von

Sturmgewehren.

"Ich habe gedacht, du kennst dich vielleicht besser aus",

erklärte May. "Daher habe ich die Silhouette aufgezeichnet. Aber

wo hab ich die bloss hingelegt..."

Schliesslich fand May die Zeichnung wieder. Sie hatte die

Pizzaschachtel darauf gestellt. Daher hatte es jetzt einige

Fettflecken. Rally nahm die Zeichnung mit einem leicht

vorwurfsvollen Blick entgegen.

"Ach bevor ichs vergesse:", sagte May. "Ich glaube, der Schütze

hat beim Weggehen den Kolben eingeklappt."

Rally schob sich den Rest der Pizza in den Mund, kaute kurz und

schluckte. "Ja", sagte sie schliesslich. "Diese Gewehre haben

serienmässig einklappbare Kolben."

"Du weisst, welches es ist?"

"Ich denke schon. Komm mal mit."
 

Sie gingen zum Lagerraum hinüber. Rally schaute sich kurz um, und

nahm dann ein Gewehr vom Gestell.

"Ja, genau das ist es!", rief May. "Wie hast du das so schnell

herausgefunden?"

"Ganz einfach. Das Gewehr hier ist durchaus bekannt. Die

SWAT-Abteilung der Polizei verwendet es."

"Der Schütze sah aber nicht wie einer vom SWAT aus."

"Das war ganz sicher keiner. SWAT-Leute arbeiten niemals alleine.

Aber das Gewehr ist vielleicht eine Spur. Ausserhalb der SWAT

verwendet es kaum einer."

"Tatsächlich? Warum denn? Die SWAT kauft doch sicher keinen

Schrott."

"Tja, weisst du, May, das Gewehr ist zwar sehr präzise, aber auch

sehr pflegebedürftig. Das schreckt die meisten ab. Es ist

eigentlich mehr ein Scharfschützen- als ein Sturmgewehr."

Plötzlich verfinsterte sich Rallys Blick.

"Moment mal", sagte sie. "Da stimmt was nicht." Dann fragte sie:

"Wie weit entfernt war der Schütze?"

May überlegte kurz. "Um die zweihundert Meter würde ich sagen. Du

meinst, auf diese Distanz..."

Rally nickte. "Er hätte Cogan treffen müssen. Wenn er kein

völliger Stümper war hätte er ihn treffen müssen."
 

Am nächsten Morgen. Robert ging den Flur entlang. Er hasste das.

Wenn irgendwas geklaut wurde, musste *er* Meldung machen. Wenn

ein Deal platzte, musste *er* Meldung machen. Und jetzt diese

Sache mit Cogan. Wer wurde geschickt, um dem Boss Bericht zu

erstatten? Er natürlich. Robert atmete tief durch. Dann klopfte

er an die Tür, die mit 'F. Stevenson' beschriftet war. "Herein!",

hörte er Stevenson rufen. Er trat ein.

Stevenson schaute in missmutig an. "Oh, je. Robert", meinte er.

"In diesem Fall sind es wohl schlechte Nachrichten."

Robert seufzte. Sogar der Boss war mittlerweile dran gewöhnt.

"Ja", gab er zu. "Wir haben den Bericht über Cogan."

"Ist er etwa entwischt?"

"Nicht wirklich. Als wir gestern Nacht bei der Hütte ankamen, war

Cogan verschwunden. Die Tür war von Schüssen durchlöchert, und in

der Hütte roch es noch nach frischem Pulverdampf."

"Also ein Feuergefecht."

"Die Löcher in der Tür waren nach aussen ausgefranst. Sie stammen

also vermutlich von Cogan selbst. Was uns aber beunruhigt, ist,

dass die Fensterscheibe auch ein Loch hat. Die Scherben liegen

innen, also kam der Schuss von aussen. Nur ein Schuss. Entweder

hat Cogan sich sofort ergeben, oder er ist tot. Es hat allerdings

kaum Blutspuren."

"Tot?" Stevenson schüttelte den Kopf. "Das glaube ich nicht.

Ausser mir will niemand Cogan tot sehen. Sucht weiter nach ihm."

"Ja, Sir", sagte Robert, und ging.

Stevenson dachte nach. Er wusste von niemandem, der Cogan tot

sehen wollte. Aber es fiel ihm auch niemand ein, der in fangen

wollte. Eine Abrechnung vielleicht? Aus einem Konflikt, von dem

er nichts wusste? Schon möglich. Dann durchfuhr es Stevenson: Es

könnte die Polizei gewesen sein! Cogan könnte auf die Idee

kommen, sein Wissen gegen Straffreiheit zu tauschen. Dann

beruhigte er sich wieder. Sein Maulwurf hatte nichts in der Art

gemeldet. Trotzdem war Stevenson beunruhigt. Er griff zur

Gegensprechanlage.

"Ja?", knarzte es aus dem Lautsprecher.

"Hör zu, Tom. Wir könnten Ärger bekommen wegen dieses Verräters

Cogan. Das Labor wird geschlossen. Sorg dafür, dass das Kerosin

abtransportbereit ist."

"Ziehen wir um?"

"Nein. Aber ich will, dass alles vorbereitet ist, falls es dazu

kommen sollte."

"Aye, Sir!"
 

Ausserhalb des Gebäudes, ein paar Blocks weiter die Strasse

runter, sass Rally in ihrem Cobra. Sie war wieder allein. May

hatte natürlich eine Szene gemacht. Aber Rally wollte diskret

sein. Und Diskretion war nicht gerade eine von Mays Stärken. Sie

fand das von Cogan bezeichnete Gebäude in einem kleinen

Wohnquartier. Es war eine typische Arbeitersiedlung. Kaum jemand

war auf der Strasse zu sehen. Um so mehr fiel das Gebäude auf:

Die Rolläden waren überall unten, und eine bewaffnete, zivile

Wache sass neben dem Eingang. Anscheinend hatte Cogan einen

Volltreffer gelandet. Auch wenn Rally nur zu gern wüsste, woher

er diese Information hatte. Sie nahm ein Fernglas, und

betrachtete die Szenerie eingehend. Sie währe nicht so ruhig

gewesen, wenn sie gewusst hätte, was hinter ihrem Rücken vor sich

ging.
 

100 Meter hinter ihrem Rücken, um genau zu sein. Dort endete die

Strasse nämlich in einer T-Kreuzung. Dahinter stand eine

Bauruine, in der jemand Stellung bezogen hatte. Der Mann holte

seinerseits ein Fernglas hervor, um damit den Cobra zu

betrachten. Er erkannte Rally darin. Der Mann stellte das

Fernglas auf den Boden, und rief jemanden mit seinem Handy an.

"Posten 3 hier... Ja, sie ist eingetroffen... Ja... Verstanden."

Der Mann legte auf. Dann öffnete er einen grossen Koffer, den er

bei sich trug. Darin war ein Gewehr. Eine Spezialanfertigung. Er

wusste, dass er so schnell keine zweite Chance erhalten würde.

Daher ging er sehr sorgfältig vor. Zuerst wählte er den Standort,

um das Gewehr aufzustellen. Dann nahm er ein Magazin, und prüfte,

ob es die richtige Munitionsart enthielt. Er schaute nochmals zum

Wagen. Um einen sicheren Schuss anzubringen, würde er erst das

Rückfenster zerstören müssen. Er entfernte die oberste Patrone

des Magazins, und ersetzte sie durch eine SH-Kugel. Das weiche

Geschoss würde das Fenster zersplittern, aber nicht durchdringen.

Schliesslich lud er das so präparierte Magazin. Dann brachte er

das Gewehr in Anschlag, und entsicherte es. Erst ganz am Schluss

öffnete er die Abdeckung des Zielfernrohrs.
 

Rally lehnte sich zurück. Das sah ihr nach einem hübschen Ziel

aus, um der Kerosinindustrie einen schmerzhaften Stich zu

versetzen. Vielleicht konnte sie Roy, einem befreundeten

Polizeioffizier, sogar eine Beförderung verschaffen. Irgend etwas

blitzte im Rückspiegel auf. Verwundert sah sie genauer hin. Sie

erkannte den typischen Wiederschein eines Zielfernrohrs.

"Scheisse!", rief sie. Ihre Hand fuhr zum Zündschlüssel. Der

Starter heulte auf. Rally hörte noch, wie das Rückfenster

zersplitterte. Dann wurde alles schwarz. Ihre Hand fiel leblos

herunter. Die Zeit hatte noch nicht einmal gereicht, den Motor zu

starten.
 

Auf dem Tisch standen zwei dampfende Kartonbehälter. Den dritten

hatte May gerade Cogan vorbeigebracht. Es war chinesischer

Fastfood. Wie immer, wenn May das Essen bestellte. Die Jahre in

Chinatown hatten eben doch ihre Spuren hinterlassen. May selbst

stand etwas abseits am Telefon, und schielte sehnsüchtig zum

Essen herüber. "Mann Rally, nimm endlich ab. Ich hab Hunger",

murmelte sie. Schliesslich hängte sie auf. "Jetzt reichts. Wer

nicht will, der hat schon."
 

Als Rally erwachte, sass sie gefesselt in einem Stuhl. Ihr war so

übel, dass sie glaubte, sich jeden Moment übergeben zu müssen.

"Narkosenachwirkungen", stellte sie fest. Sie versuchte, sich zu

bewegen. Dass erwies sich aufgrund der Fesselung als schwierig.

Wirklich bewegen konnte sie nur den Kopf. Aber sie konnte

immerhin feststellen, dass sie den Körper wieder unter Kontrolle

hatte. Bis auf den rechten Arm. Der fühlte sich seltsam dumpf an.

Wie wenn ihn jemand in Watte gepackt hätte. Rally versuchte, den

Ablauf zu rekonstruieren. Zuerst hatte sie gehört, wie das

Rückfenster des Cobra zersplitterte. Dann hatte sie noch kurz

gefühlt, wie etwas in ihre rechte Schulter eindrang. Das musste

ein Betäubungsgeschoss gewesen sein. Der Treffer war wohl nahe am

Nacken, sonst wäre das Projektil von der Panzerweste aufgefangen

worden. Alles in allem sehr Profimässig. Nachdem Rally gesehen

hatte, wie auffällig Stevensons Labor war, hatte sie ihn erst als

Anfänger eingestuft. Sie hatte ihn wohl unterschätzt. Die

Übelkeit wurde allmählich unerträglich. Rally würgte. Ihr Mund

füllte sich mit säuerlicher Magenflüssigkeit. Angewidert

schluckte sie sie wieder runter. Sie atmete schwer. Erleichtert

stellte sie fest, dass es etwas besser ging. Sie schaute sich um.

Das Zimmer war ein Büro. Ein Einzelbüro. Ein Pult mit Stuhl, ein

Wandschrank, eine Lampe. Und der Stuhl, auf dem Sie sass. Mehr

gab es nicht. Sie schaute die Möbel etwas genauer an. Alles sehr

elegant und teuer. Und dann ein Spannteppich. Richtig weich. Gute

Qualität. Rally stutzte. Warum konnte sie den Teppich fühlen?

Natürlich. Sie trug keine Schuhe. Und überhaupt... die Kleider

die sie trug... das waren doch nicht ihre Strassenkleider. Das

war ein schwarzer Pyjama. "Die haben mich umgezogen!", schoss es

ihr durch den Kopf. Sie fühlte, wie ihr Herzschlag beschleunigte.

Ihr wurde etwas schwindlig. Sie drückte die Augen zu, und zwang

sich zur Ruhe. Allmählich normalisierte sich der Herzschlag.

Rally öffnete die Augen wieder. Dann fiel ihr noch etwas auf: Der

Raum war völlig fensterlos. Das ging irgendwie nicht auf. Von der

Möblierung her gehörte das Büro einer wichtigen Person. Das eine

solche freiwillig auf ein Fenster verzichtete, sah Rally zum

ersten mal.
 

Eine Tür hinter Rallys Rücken öffnete sich.

"Ah, sie sind erwacht", sagte jemand mit ruhiger Stimme.

Rally konnte den Kopf nicht weit genug drehen, um die Person zu

sehen. "Mr. Stevenson?", fragte sie.

"Nicht doch", meinte der Mann leicht amüsiert.

Rally war verwirrt. Wer könnte es dann sein? Sie wusste keine

Antwort.

"Sie fragen sich vermutlich, wer ich bin, und wo sie sind", sagte

der Mann, und ging nach vorne.

Rally konnte jetzt den Rücken sehen. Wer immer es war, er hatte

einen seltsamen Kleidungsstil. Er trug eine weisse Jacke, eine

weisse Hose... ja sogar die Schuhe waren weiss. Was Rally aber am

meisten auffiel waren die schulterlangen, schneeweissen Haare.

"Mein Name ist Hal Vector", fuhr der Mann fort. "Man nennt mich

auch 'der Vampir'. Ich bin der Geschäftsführer der 'Vector

Problemlösungen GmbH'."

"Der Vampir also?", fragte Rally schnippisch. "Haben Sie darum

Angst vorm Sonnenlicht?"

Vector hielt im Schritt inne. "Bitte?", fragte er.

"Na, ich sehe doch, dass sie keine Fenster haben."

Das schien Vector weiter zu amüsieren. "Gut beobachtet, Miss

Vincent", sagte er. "Nun, ich habe nicht gerade Angst vorm

Sonnenlicht, aber..." Er setzte sich auf den Stuhl hinter dem

Pult. "...ich muss schon vorsichtig sein."

Rally war erstaunt. Vectors Haut war ebenfalls völlig weiss. Der

einzige Kontrast waren seine beinahe leuchtend roten Augen. "Sie

sind ein Albino", sagte sie.

"Ganz Recht", antwortete Vector. "Mir fehlt die natürliche

Pigmentierung. Daher kann ich nicht einfach so ans Sonnenlicht.

Ich hätte sofort einen Sonnenbrand."

"Ja, das ist mir bekannt", meinte Rally. "Aber zusammen mit Ihrer

Grösse verleiht es Ihnen eine gewisse, natürliche Autorität,

nicht wahr? Ich meine, Sie haben schon eine imposante Statur. Ich

würde Sie etwa auf 2 Meter schätzen."

"1 Meter 96", bestätigte Vector. "Sie scheinen die Dinge ja

schnell zu durchschauen. Fast schon wie er... Na gut. Ich denke,

die Frage, wer ich bin, ist damit wohl geklärt. Zur Frage, wo Sie

sind: Das hier ist mein Büro im Geschäftssitz meiner Firma."

"Ehrlich gesagt, mich würde es mehr interessieren, warum ich hier

bin. Ihr Scharfschütze hätte mich ohne weiteres töten können.

Aber er hat mich statt dessen hergebracht. Sie wollen also

irgendwas von mir." Rallys Stimme wurde unvermittelt schärfer.

"Ausserdem würde ich gerne wissen, warum man mich umgezogen hat."

Aufgrund der Aufregung beschleunigte Rallys Herzschlag wieder,

und es wurde ihr wieder schwindlig. Aber diesmal würde sie nicht

so rasch nachgeben. Erst wollte sie eine Antwort.

"Ach, das hatte ich ja fast vergessen", meinte Vector. "Keine

Sorge. Es wurde von Frauen erledigt. Wir haben ein paar in

unserer Organisation."

Rally war mit der Antwort nicht zufrieden. Sie schaute Vector

weiter mit einem stechenden Blick an.

"Hören Sie, Miss Vincent. Das Betäubungsmittel im Projektil war

ziemlich stark. Es hat zu einer sofortigen Entspannung fast aller

Muskeln geführt. Auch derjeniger, die sie... üblicherweise auf

dem stillen Örtchen benutzen. Glauben Sie mir. Sie hätten nicht

in Ihren Strassenkleidern hier sitzen wollen."

Rallys stechender Blick machte einem leicht Überraschten Platz.

Sie errötete etwas.

"Ausserdem sehen sie hübsch aus in dem Pyjama."

Rally errötete weiter. Dann setzte sie wieder einen wütenden

Blick auf. "Sie...", begann sie. Weiter kam sie aber nicht, denn

das Schwindelgefühl wurde übermächtig. Schwer atmend versuchte

Rally, sich wieder zu beruhigen.

"Vorsicht, Miss Vincent. Die Nachwirkungen werden noch eine Weile

anhalten."

Das Schwindelgefühl wich wieder von Rally. Sie stellte fest, dass

sich Schweissperlen auf ihrer Stirn gebildet hatten. Sie fasste

sich, und sagte: "Na schön. Verraten Sie mir jetzt, warum ich

hier bin?"

"Selbstverständlich", antwortete Vector. "Ich habe da nämlich ein

kleines Problem. Es geht um Stevenson."

"Das habe ich mir beinahe gedacht."

"Tja. Was wissen Sie über ihn?"

Rally wollte mit den Achseln zucken, aber die Fesselung liess das

nicht zu. "Nicht all zu viel", sagte sie schliesslich. "Er

scheint der Boss eines Syndikats zu sein, das im grossen Stil mit

Kerosin handelt. Ich hab bis gestern noch nichts von ihm gehört.

Ist wohl neu im Geschäft."

Vector nickte. "Ja, stimmt alles. Ich will sie mal weiter

aufklären. Stevenson war früher mal ein hohes Tier bei einer

Handelsfirma. Er hat seine Position missbraucht, und war dumm

genug, sich erwischen zu lassen. Damit hat er sich so ziemlich

alle Karrieremöglichkeiten verbaut. Also hat er versucht, ein

eigenes Syndikat zu gründen. Er war sogar ganz erfolgreich. Alles

in allem ist er aber nur ein kleiner Fisch. Natürlich", erklärte

Vector grinsend, "glaubt er der Hecht im Karpfenteich zu sein."

Rally musste ebenfalls grinsen. Irgendwie war das am Anfang immer

so. Auch sie hatte sich am Beginn ihrer Karriere für *die*

Schützin und *die* Prämienjägerin gehalten. Bis sie mal tüchtig

auf die Schnauze fiel.

Vector fuhr fort: "Wie dem auch sei. Als Gordi verschwand, und

die primäre Kerosinquelle mit ihr, hielt Stevenson es für eine

gute Gelegenheit, zu den Grossen aufzusteigen. Über einen

Strohmann liess er sich etwas Kerosin besorgen. Es gelang ihm,

den Stoff zu analysieren. Dann hat er das Zeug kilogrammweise

hergestellt, tüchtig gestreckt, und schliesslich eingebunkert.

Anschliessend hat er geduldig gewartet, bis der Markt

ausgetrocknet, und der Strassenpreis entsprechend hoch war. Jetzt

verkauft er die Ware. Weil er sie nicht mühsam importiert,

sondern selbst hergestellt hat, kann er sie billig abstossen. Die

Qualität ist zwar schlecht, aber das interessiert bei diesen

Preisen niemanden. Er hat gute Chancen, den Markt an sich zu

reissen."

"Und jetzt seht ihr eure Felle davonschwimmen. Alles klar."

"Nein."

"Nein? Aber was..."

"Mein Firma ist normalerweise nicht in den Drogenhandel

involviert. Eigentlich ist es uns völlig egal, wer den Markt

beherrscht." Vector machte eine rethorische Pause. "Die Aufgabe

meiner Firma ist es, Probleme zu beseitigen."

Rally ging ein Licht auf. "Ach sooo ist das. Sie meinen, ihr

macht gegen die Bezahlung die Drecksarbeit für die anderen

Syndikate." Sie erntete dafür einen vernichtenden Blick von

Vector, aber damit konnte man Rally nicht beeindrucken. "Ein

Punkt für mich", dachte sie.

"Wenn Sie es so sehen wollen", brummte Vector schliesslich.

"Wie auch immer", meinte Rally. "Sie haben den Auftrag bekommen,

Stevenson samt Syndikat aus dem Weg zu räumen, nicht wahr?"

"So ist es."

"Und was hat das mit mir zu tun?"

"Idealerweise gar nichts."

Vector fixiert Rally. "Ich nehme an, Sie wissen bereits um die

Erpressung von Stevenson durch Cogan. Sonst hätte mein Schütze

sie wohl kaum bei seinem Drogenlabor aufgegriffen."

"M-Hm", sagte Rally, und nickte.

"Aber hat Cogan ihnen auch verraten, woher er die Information

hat?"

"Nein."

"Nun, er hat die Information von mir."

Diesmal war Rally wirklich verblüfft. Sie konnte ihr Erstaunen

nicht verbergen, wie sie am befriedigten Gesichtsausdruck von

Vector ablesen konnte.

"Ich will Ihnen mal was über Cogan erzählen", fuhr Vector fort.

"Er wurde bereits früh von Stevenson angeheuert, und agierte als

Mittelsmann zwischen dem Syndikat und den Strassendealern."

"Ach darum hatte er 10 Kilogramm bei sich."

"Ach sie meinen, als er damals von der Polizei geschnappt wurde?

Ja, da hatte er gerade eine frische Lieferung erhalten. Kennen

Sie übrigens die Umstände der Verhaftung?"

"Er ist in einer Strassensperre hängengeblieben."

"Ja", meinte Vector belustigt. "Sie haben seinen Wagen

durchsucht, weil er seinen Führerschein nicht dabei hatte."

Rallys Augen weiteten sich. "Oh, mein Gott. Wie kann man nur so

behämmert sein." Sie schüttelte den Kopf. "Stevenson war sicher

sauer."

"Und wie. Aber er hatte alle Hände voll zu tun, und auch nur

wenige, professionelle Schläger. Also hat er Cogan einfach

rausgeschmissen. Und er hat ihm natürlich das verlorene Kerosin

in Rechnung gestellt. Cogan fühlte sich aber ungerecht behandelt.

Er war so richtig sauer auf Stevenson. Dazu kommt noch, dass

Cogan den Stoff nie direkt beim Labor erhalten hatte. Er wusste

also nicht, wo das Labor war. Das alles machte ihn perfekt für

meinen Plan."

Rally nickte. "Verstehe. Sie haben ihm also den Standort des

Labors verraten, in der Hoffnung, dass er Stevenson erpresst.

Aber wozu?"

"Es war mein Plan, das Kerosin mitlaufen zu lassen, und danach

die Polizei die Hauptarbeit erledigen zu lassen. Das Problem ist,

dass die Polizei fast täglich irgendwelche Geheimtipps über

Drogenlabors, -verstecke usw. bekommt. Hätten wir die Information

einfach so zugespielt, oder Cogan bei der Polizei singen lassen,

wären sie wahrscheinlich gar nicht erst nachschauen gegangen.

Oder sie wären so auffällig vorgegangen, dass Stevenson genug

Zeit gehabt hätte, zu verschwinden. Also überlegte ich mir etwas

dramatischeres. Ein Informant von mir machte Cogan ausfindig. Wir

übermittelten Cogans Aufenthaltsort an Stevenson. Der schickte

einen Killer. Weiter sah der Plan vor, dass nach Cogans Tot ein

unserer Organisation angeschlossener Notar der Polizei einige

kompromittierende Papiere übergab. Dabei sollte er sagen, dass er

von Cogan den Auftrag habe, diese Papiere der Polizei zu

übergeben, falls Cogan etwas zustossen sollte."

"Was für ein Schmierentheater", sagte Rally. "Sie wollten einen

Menschen töten, nur um Ihre Geschichte plausibler zu machen?"

"Um ein Syndikat zu zerschlagen", berichtigte Vector. "Warum auch

nicht? Es sind schon Leute für weniger umgebracht worden. Für

viel weniger. Dass Sie noch leben, Miss Vincent, haben Sie einem

meiner Informanten zu verdanken."

Rally blickte Vector fragend an.

"Ich habe Cogan von ihm überwachen lassen. Er hat Sie gesehen,

als Sie Cogan verhafteten. Und seither hat er Sie beobachtet.

Jeder andere hätte nur Ihren Wohnort gemeldet. Aber das liess

seine Berufsehre nicht zu. Er musste natürlich herausfinden, *wer*

Sie sind. Das hat Ihnen das Leben gerettet."

Rally blickte immer noch verwundert. Was war den so besonders an

ihr?

"Rally Vincent, einer der bekanntesten Prämienjäger der Stadt,

ist eine Frau, knapp über 20, und führt einen kleinen

Waffenladen. Ich muss zugeben, dass ich recht überrascht war, als

ich den Bericht erhielt. Jedenfalls sind Sie zu bekannt, als das

ich Sie einfach aus dem Weg räumen könnte."

Das war es also. Vector liess Rally nur am Leben, weil er

befürchtete, jemand könnte einen genaueren Blick auf die Sache

werfen. Rally war klar, an welch seidenem Faden ihr Leben hing.

Vector hatte mit Sicherheit Mittel, sie auszuschalten, ohne das

irgendeine Spur zu ihm führte. Es war nur eine Frage des

Aufwands.

"Wie dem auch sei", begann Rally mit etwas unsicherer Stimme,

"wenn es nur darum geht, Cogans Geschichte glaubwürdig zu machen,

hätten Sie mich einfach weitermachen lassen können. Ich hatte

vor, seine Angaben bei der Polizei zu bestätigen."

"Und Ihnen hätte die Polizei geglaubt?", fragte Vector.

"Ich habe meine Beziehungen", erwiderte Rally vieldeutig.

"Ja, ich weiss. Aber ich führe trotzdem lieber meinen neuen Plan

durch."

"Und was soll ich dabei tun?"

"Nicht sehr viel. Erstens: Ich existiere nicht, und dieses

Gespräch hat nie stattgefunden. Zweitens: Behalten Sie Cogan noch

zwei, drei Tage in Arrest. Unser Notar wird dann sagen, Cogan sei

verschwunden. Liefern Sie Cogan einfach erst, nachdem Stevenson

verhaftet wurde. Drittens, und das ist sehr wichtig: Lassen Sie

sich nicht mehr bei Stevenson blicken. Unser Maulwurf hat

berichtet, dass Stevenson wegen der Sache mit Cogan nervös ist.

Er hat seine gesamten Kerosinvorräte abtransportbereit gemacht.

Noch so eine Sache, und er verschwindet."

Vector sagte nichts weiter. "Das ist alles?", fragte Rally nach

einer Weile.

"Ja", war die knappe Antwort.

Rally wunderte sich ein wenig, warum Vector solch ausschweifende

Erklärungen abgegeben hatte. "Wenn die Sache vorbei ist, was

geschieht dann mit mir?"

"Sie sind für uns jetzt natürlich ein Sicherheitsrisiko. Aber

solange sie kooperieren, werden wir darüber hinwegsehen. Es liegt

also an Ihnen."

"Das klingt nicht sehr überzeugend."

"Sie können natürlich auch ablehnen", sagte Vector in einem

bedauernden Tonfall. Er öffnete eine Schublade, nahm daraus eine

Spritze, die mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt war,

und legte sie auf den Tisch. "Das Gift ist nicht nachweisbar",

erklärte er. "Ausser, man sucht explizit danach."

"Schon gut, ich habe verstanden", maulte Rally.

"Dann sind wir uns einig?", fragte Vector.

Rally sagte nichts. Sie nickte nur kurz, wobei Sie sich Mühe gab,

Vector so vorwurfsvoll wie irgend möglich anzuschauen. Vector,

freilich, durchschaute das Spiel. Er lächelte, und nahm eine

zweite Spritze aus der Schublade. Sie war identisch mit der

ersten, ausser, dass sie mit einem blauen Ring gekennzeichnet

war. Dann kam er auf Rally zu.

"He, Moment mal!", rief sie.

"Das ist nur ein Schlafmittel", beruhigte sie Vector. "Sie werden

sich gründlich ausschlafen, und morgen Vormittag erwachen. Bis

dahin sollten auch die Narkosenachwirkungen verflogen sein."

Vector setzt die Spritze an Rallys linkem Unterarm an.

Reflexartig verspannte sie sich.

"Lockerlassen, sonst tuts weh", sagte Vector.

"Sie haben leicht reden", warf Rally ein.

Vector seufzte, und setzte die Spritze am rechten Unterarm an. Er

wusste natürlich, dass Rally diesen noch nicht ganz unter

Kontrolle hatte. Tatsächlich fühlte Rally noch nicht einmal die

Injektion. Nur die Müdigkeit wurde plötzlich stärker. Rally liess

sich einfach übermannen, und schlief ein. Sie wusste, dass es

sinnlos war, dagegen anzukämpfen.

May Hopkins private Ermittlungen

Rally konnte nicht sagen, wie lange sie bereits ohnmächtig war,

als sich eine vertraute Stimme in ihren traumlosen Schlaf schob:

"Hey Rally! Wach auf! Frühstück steht auf dem Tisch!"

Ganz langsam öffnete sie die Augen. Es war May, die da rief. Sie

selbst lag zuhause in ihrem Bett. "Morgen May", sagte Rally, und

stand langsam auf. Sie fühlte sich wie ausgepumpt.

"Mannohmannohmann. Du siehst vielleicht aus", meinte May. "War

wohl ne wilde Nacht, was?"

"Ne wilde Nacht?", fragte Rally. Allmählich kam die Erinnerung

zurück. "Ne wilde Nacht. Ja, kann man so sagen."

Sie ignorierte Mays fragenden Gesichtsausdruck, und ging zur

Küche. Doch May liess nicht locker:

"Sag mal, wo bist du eigentlich gewesen? Und warum hast du dich

nicht gemeldet? Ich hab mir Sorgen gemacht, verdammt noch mal!"

"Später, später", versuchte Rally zu beschwichtigen. Sie hatte

noch nicht alle Gedanken beisammen. May liess sich nicht beirren:

"Und dann kommst du nach Hause, ohne ein Wort zu sagen. Hätte ich

heute Morgen nicht zu dir ins Zimmer geschaut, wüsste ich nicht

einmal, dass du hier bist."

Rally stöhnte. Ein Streit mit May war jetzt wirklich das letzte,

was sie gebrauchen konnte. "Ich bin nicht hergekommen", sagte

sie, "ich wurde hergebracht."

May erkannte, dass sie jetzt nichts von Rally erfahren würde. Sie

zuckte mit den Schultern, und folgte Rally in die Küche.
 

Rally stocherte lustlos in ihrem Essen. Sie hatte zwar Hunger,

aber überhaupt keinen Appetit. May verstand. Oder zumindest

glaubte sie, zu verstehen.

"So so", sagte sie, "wir haben einen Kater, was?"

"Seit wann kriegt man von Morphium einen Kater?", erwiderte Rally

missmutig.

"Von... Morphium? Rally, was zum Teufel ist passiert?"

Rally begann zu erzählen. Sie tat dies sehr bruchstückhaft, und

May musste häufig nachhaken. Es ging eine Weile, bis May alles

verstanden hatte.

"Also, fassen wir zusammen:", sagte May schliesslich. "Vector

will Stevenson zu Fall bringen. Er bringt Cogan dazu, Stevenson

zu erpressen. Stevenson will Cogan aus dem Weg räumen, was Vector

zu einer Inszenierung ausnutzt, um die Polizei auf den Plan zu

rufen. Wir schnappen Cogan aber direkt vor der Nase des Killers

weg. Der Plan ist im Eimer. Vector schnappt dich, und liest dir

die Leviten. Ausserdem verlangt er, dass du dich nicht in seinen

neuen Plan einmischst. Richtig so?"

"So ungefähr", bestätigte Rally. In Wirklichkeit war sie nicht in

der Lage gewesen, Mays Zusammenfassung zu folgen.

"Und das bringt uns zur hundert Millionen Dollar Frage: Warum

lässt Vector uns nicht einfach Cogan ausliefern, und dessen

Angaben über Stevenson bestätigen. Dann ginge Stevenson doch

genauso hoch."

Rally nahm einen guten Schluck Kaffee. "Ich vermute, es liegt

daran, dass Vector das Kerosin in Stevensons Labor haben will."

Sie setzte die Tasse ab. "Würde er Stevenson einfach überfallen,

dann würde der natürlich sofort verschwinden. Vector will aber

sowohl das Kerosin für sich, wie auch Stevenson vor Gericht. Also

muss er dafür sorgen, dass die Polizei unmittelbar nach dem

Überfall bei Stevenson auftaucht. Geht er nach seinem Plan vor,

kann er die Reaktion der Polizei einigermassen steuern. Liefern

wir Cogan aus, kann er das nicht. Dann landet das Kerosin in

einem Polizeitresor."

May nickte. "Ja, das macht Sinn." Dann seufzte Sie. "Blöde

Geschichte. Wir sind also zum Nichtstun verdammt."

"Wer sagt das?", fragte Rally. Sie hatte mittlerweile ihre Sinne

genug beisammen, um ihrer Stimme eine unüberhörbare Schärfe zu

verleihen.

"Was willst du denn machen?", erwiderte May resigniert.

Rally gab sich ungerührt. "Vector einen Strich durch die

Rechnung", sagte sie.

May zog die Augenbrauen hoch.

"Mir einfach so seinen Willen auf zu zwingen. Das könnte ihm so

passen."

Das brachte May ins Grübeln. Klar, Rally liess sich nicht gerne

zu etwas zwingen. Aber sie hatte es auch schon geschehen lassen,

wenn die Chancen schlecht standen. Es seie denn...

"Ah, alles klar. Du willst nicht, das Vector das Kerosin erhält",

meinte May triumphierend.

Rally schaute May verblüfft an. May hatte Recht. Aber bisher war

es nicht einmal Rally selbst aufgefallen. "Ja, stimmt wohl",

meinte sie etwas verlegen.

"Und was willst du mit dem Kerosin machen? Es verbrennen?"

"Verbrennen? Der Gedanke ist gar nicht so übel."
 

Eine halbe Stunde später war ein grundlegender Plan gefasst:

Bevor Vector seinen Überfall startete, wollten Rally und May eine

Bombe in den Lagerraum des Drogenlabors schmuggeln. Während des

Überfalls würde sie dann gezündet. Für Vector würde es aussehen,

als wäre die Bombe von Stevenson selbst, der die Drogen lieber

vernichtete, als sie sich klauen zu lassen. May war auf dem Weg

zum Laden, um Cogan Frühstück zu bringen, und um das 'sind

Fischen'-Schild an die Tür zu hängen. Anschliessend wollte sie

sich um die Bombe kümmern. Rally zog sich derweil an. Sie trug

noch immer den Pyjama, in den sie Vector gesteckt hatte. Ihre

alten Kleider hatte er ihr nicht mitgegeben. Als Rally ihr

Halfter anlegen wollte, merkte sie, das noch ein paar andere

Dinge fehlten. "Mist. Er hat meine Waffen einbehalten", fluchte

sie. Rally legte das Ersatzhalfter an. Dann ging sie zum

Waffenschrank hinüber. Sie würde sich eben mit der zweiten

Garnitur begnügen müssen. Ihr Blick schweifte über die Auswahl.

Dann nahm sie eine P210 in die Hand. Mit einigen schnellen

Bewegungen prüfte sie den Zustand der Mechanik. Zufrieden lud sie

die Pistole, und setzte sie ins Halfter ein. "Eine gute Waffe",

dachte sie sich. "Aber kein Vergleich zu einer CZ-75." Ihr Blick

verdüsterte sich. Die CZ würde sie zurückerhalten. Koste es, was

es wolle.
 

"Was!?"

Cogan glaubte sich verhört zu haben. Musste er tatsächlich noch

zwei Tage in diesem Loch verbringen?

"Jetzt reg dich mal wieder ab", wandte May ein. "Glaubst du, es

macht uns Spass, dich hier unten durchzufüttern?"

Cogan brummte irgend etwas unverständliches. Dann fragte er:

"Habt ihr meine Angaben überprüft?"

"Ja, haben wir", bestätigte May.

"Warum liefert ihr mich dann nicht einfach aus. Wenn ihr meine

Angaben bestätigt, habe ich nichts mehr vor Stevenson zu

fürchten."

"So einfach ist das nicht. Da ist noch eine dritte Partei

involviert."

Cogan stutzte. "Eine dritte Partei? Wer denn?"

May grinste, und schüttelte den Zeigefinger. "Neugier tötet die

Katze".

Cogan gab auf. "Noch zwei Tage in diesem Loch", brummte er.

"Ich würde dir die Zeit ja gerne versüssen", meinte May lächelnd,

"aber ich muss mich leider beeilen."

Cogan sah überrascht hoch, doch May war bereits gegangen, und

hatte die Tür wieder abgeschlossen. Sie war tatsächlich in Eile.

Schliesslich musste sie sich noch um die Bombe kümmern.
 

Rally war ebenfalls mit Vorbereitungen beschäftigt. Um bei

Stevenson einsteigen zu können, würden sie die Umgebung etwas

unter die Lupe nehmen müssen. Damit Vector sie nicht gleich

wieder einsackt, hatte sie ein paar Verkleidungen besorgt. Sie

hatte dafür den Bronco nehmen müssen, da Vector den Cobra

ebenfalls nicht zurückgebracht hatte. Ein Umstand übrigens, der

Rally beinahe zum explodieren brachte. Als sie aber gerade die

Karte studierte, um möglich Zu- und Abfahrtswege zu finden, hörte

sie plötzlich ein Motorengeräusch, das ihr sehr bekannt vorkam.

Sie rannte die Treppe herunter, und stürmte auf die Strasse.

Tatsächlich: Da stand ihr Cobra. Vom Fahrer war allerdings keine

Spur. Rally besah sich den Wagen. Er hatte keinen Kratzer. Auch

die Rückscheibe war ausgewechselt worden. Auf dem Beifahrersitz

lag eine Kiste. Rally wollte sie sich ansehen, doch die Türen

waren verschlossen. Schliesslich war da noch eine Notiz an der

Frontscheibe. Rally las:

"Sehr geehrte Miss Vincent. Tut mir leid, das wir so spät dran

sind. Wir hatten leider Schwierigkeiten, ein passendes

Rückfenster zu finden. In der Kiste auf dem Beifahrersitz

befinden sich ihre Sachen von gestern. Der Schlüssel liegt im

Briefkasten. Mit freundlichen Grüssen Hal Vector."

Rally starrte auf das Papier. "Der will mich wohl fertigmachen",

sagte sie leise.
 

Kenichi Takizawa, genannt Ken Taki, war ein begnadeter

Bombenbauer. Er hatte früher für die Mafia gearbeitet, sich aber

erfolgreich von seiner Vergangenheit getrennt. Er war Mays

Lehrmeister was Bomben betrifft... und ihr fester Freund. Nun,

wer May ein bisschen kennt, wird sich vielleicht wundern, dass

sie einen festen Freund hat. Tatsächlich waren die beiden aber

schon länger zusammen.

"Also", sagte Ken. "Du brauchst eine Bombe zum Ausbrennen eines

Drogenlagers. Und das heute Abend."

"Genau", sagte May fröhlich. Sie sass Ken gegenüber, und hatte

ihm gerade die ganze Geschichte erzählt.

"Unauffällig soll sie natürlich auch sein...", grübelte Ken. "Das

wird ein schönes Stück Arbeit."

"Oooch, das schaffst du schon."

May blickte Ken mit verliebten Augen an. Ken fühlte das bisschen

Widerstand zusammenschmelzen. Es war ohnehin eine interessante

Aufgabe. Denn egal, wie unauffällig die Bombe war: Sobald sie

gezündet wurde, musste sie unweigerlich entdeckt werden. Wie aber

würde man das Personal daran hinderen, das Feuer zu löschen, ohne

gleich das ganze Haus zu sprengen?

May ahnte, worüber Ken nachdachte. "Ich denke, Petroleum wäre

nicht schlecht. Das ist sehr schwer zu löschen. Wenn es eine

Sprinkleranlage hat, wird das sicher lustig."

Ken grinste. Petroleum ist ein Öl, und Wasser in ein Ölfeuer zu

giessen, ist allgemein eine sehr schlechte Idee. Aber er war

nicht überzeugt: "Sie könnten das Feuer immer noch ersticken",

sagte er. "Wenn es ein Kellerraum ist, müssen sie nur die Tür

schliessen und abdichten."

"Wie wärs dann mit Napalm?"

Kenn erwog den Gedanken für einen Moment. Napalm enthält selbst

Sauerstoff. Ein Napalmfeuer kann daher nicht erstickt werden.

Aber dann fiel ihm ein anderes Mittel ein.

"Man könnte es immer noch mit einem chemischen Feuerlöscher

bekämpfen. Aber ich habe eine andere Idee: Aerosol."

May erschrak. "Wie... bitte? Ist das dein voller Ernst?"

"Natürlich", antwortete Ken gelassen.

"Das ist doch verrückt. Da könnten wir ja auch gleich eine

Atombombe rein schmeissen."

"Keine Sorge, May. Wenn ich die Dosis genau berechne, wird

lediglich alles im Raum verbrannt. Und zwar innert Sekunden. Es

besteht nicht die geringste Chance, solch ein Feuer zu löschen."

May war keineswegs beruhigt. Aber sie kannte Kens Fähigkeiten,

und beschloss, darauf zu vertrauen.
 

Rally war sauer auf Vector. Und zwar vor allem darum, weil Vector

ihr systematisch jeden Grund nahm, auf ihn sauer zu sein. Sogar

die CZ-75 hatte er zurückgegeben: Sie lag in der Schachtel im

Auto. Nur das Verbot, sich in den Fall Stevenson einzumischen,

blieb noch. Um so mehr wollte sie im gerade hier

dazwischenfunken. Damit Vectors Späher sie nicht gleich wieder

entdeckten, zog sie eine Perücke mit langen, blonden Haaren an,

und überpuderte ihre indianische Haut, so dass sie hell erschien.

Bei May war es einfacher. Sie machte sich ihre Kleinwüchsigkeit

zunutze, indem sie Kinderkleider anzog. Diesen Trick hatte sie

bereits mehrmals mit grossem Erfolg angewandt. Dann fuhren die

beiden in Mays Wagen, einem Fiat 500, in die Nähe des

Drogenlabors. Rally lenkte den Wagen. Während der Fahrt prüfte

sie immer wieder, ob ihnen jemand folge. Sie konnte aber

niemanden entdecken. Trotzdem war sie unsicher. Sie parkte den

Wagen etwas Abseits, und liess May hinaus. Dann fuhr sie wieder

weg. May hatte ein Handy bei sich, mit dem sie Rally rasch

herbeordern konnte.
 

May spazierte etwas durch die Umgebung. In ihrer Verkleidung

konnte sie sich sehr unauffällig bewegen. So konnte sie auch das

Gebäude etwas genauer ansehen. Das Haus war ein alter

Plattenblockbau mit fünf Geschossen. Er war etwa doppelt so lang

wie breit. Vor allen Fenstern waren die Sonnenstoren

heruntergelassen, was das Haus doch recht verdächtig aussehen

liess. Der Haupteingang war in der Mitte einer der langen Seiten.

Wie Rally gesagt hatte, wurde er von einer zivilen Wache bewacht.

Nur das sie jetzt im Innern sass, und durch ein Fenster auf die

Strasse schaute. Auf der anderen Seite des Hauses fand May eine

Feuertreppe. Sie befand sich an der Aussenseite des Hauses, ging

aber nur bis zum ersten Stock herunter. Vermutlich befand sich

dort einmal eine Treppe, die hinunterklappte, sobald jemand von

oben draufstand. Aber das war wohl schon lange her, denn die

abgebrochene Halterung machte den Eindruck, als ob sie schon sehr

lange abgebrochen gewesen sei. May stellte ausserdem fest, das

auch im Erdgeschoss, gleich unter der Feuertreppe, ein Notausgang

existierte. Alles in allem war sie aber noch nicht zufrieden mit

dem Ergebniss ihrer Ermittlungen.
 

Robert sass hinter dem Fenster beim Eingang. Die Pumpgun hatte er

gegen die Mauer gelehnt. Er hasste den Wachdienst. Es war

schlichtweg langweilig. Nur gelegentlich musste ein allzu

neugieriger Passant abgewiesen werden. Er verstand auch die

Kollegen nicht, die mit umgehängter Waffe und betont ernsthaftem

Gesichtsausdruck, wenn möglich mit Sonnenbrille, im Eingang

standen. Wem versuchten die hier Eindruck zu machen? Und falls

tatsächlich mal etwas passieren sollte... Mit umgehängter Waffe

weithin sichtbar herumzustehen, war, wie sich ein Schild

umzuhängen: "Bitte erschiesst mich". Robert seufzte, und liess

den Blick von der Strasse zum Eingang wandern. Ein kleines

Mädchen stand dort.
 

Eine Zehntelsekunde später war Robert auf den Beinen. "Da lässt

man mal kurz die Gedanken schweifen, und schon...", dachte er

sich.

"He Mädchen! Da darfst du nicht rein!". Robert versuchte, seine

Stimme grimmig erscheinen zu lassen. Es klappte nicht besonders

gut. Aber es erfüllte seinen Zweck: Das Mädchen schien

eingeschüchtert.

"Tut... tut mir leid", sagte sie leise. "Ich suche meinen Hund."

"Deinen Hund?", fragte Robert überrascht.

"Ja. Er ist mir hier in der Nähe davongelaufen. Haben Sie ihn

vielleicht gesehen?"

Robert schüttelte den Kopf. "Nein, hab ich nicht", sagte er

knapp.

Doch das Mädchen liess nicht locker. "Sicher?", fragte sie. "Er

versteckt sich gerne in Kellern. Könnten Sie vielleicht kurz

nachsehen?"

Im Keller? Stevenson würde niemals zulassen, das dort jemand

herumschnüffelte. Das Drogenlabor und das Lager befanden sich

dort. "Hör mal", begann er, diesmal etwas gereizt, "wenn ich

sage, ich habe keinen Hund gesehen..."

"Hey Robert, sei doch nicht so grob."

Das war Stevenson. Robert verspürte plötzlich den dringenden

Wunsch, irgendwo anders zu sein. Aber er versuchte, sich nichts

anmerken zu lassen.

"Du musst ihn entschuldigen", sagte Stevenson zu dem Mädchen. "Er

ist... wie ein Wachhund eben. Er bellt alle an, die er nicht

kennt." Dann wandte er sich Robert zu: "Hast du sicher keinen

Hund gesehen?"

"Nein Sir", erwiderte Robert, wobei er krampfhaft versuchte,

sachlich zu bleiben. "Wenn hier ein Hund hereingekommen wäre,

hätte ich ihn mit Sicherheit gesehen."

Robert war sich da nicht so sicher, wie er sich gab. Aber vor

Stevenson zuzugeben, dass er möglicherweise einen Hund übersehen

hätte? Unmöglich. Da hätte er sich auch gleich selbst erschiessen

können.

Stevenson schaute das Mädchen mit einem bedauernden Blick an.

"Tut mir leid, aber dann ist er wohl nicht hier."

"Ist schon gut, danke", sagte das Mädchen. "Dann muss ich eben

weiter ersuchen." Sprachs, und war verschwunden.

"Siehst du Robert? So gehts doch auch." Stevenson ging zum

Ausgang. "Jetzt muss ich aber los. Eine nette Party wartet auf

mich."

"Ja Sir", sagte Robert langsam. Er wartete, bis Stevenson

gegangen war. Dann liess er sich in den Stuhl fallen. Es waren

Tage wie dieser, die in ihm den Wunsch weckten, einfach alles

stehen und liegen zu lassen, und zu verschwinden. Hätte er

gewusst, was an diesem Tag noch so alles auf ihn zukam, hätte er

es sogar getan.
 

May ging wieder zur Rückseite des Hauses. Ihr kleiner Vorstoss

hatte sich gelohnt. Während Sie die Wache mit ihrer Geschichte

über den entlaufenen Hund hinhielt, konnte sie einen Blick ins

Haus werfen. Hinter dem Eingang befand sich ein Raum, in dem die

Wache sass. Hinter dem Raum wiederum war ein Quergang. May konnte

bei ihrem kurzen Rundblick feststellen, dass der Gang an beiden

Enden nicht einfach aufhörte, sondern abbog. Vermutlich ging er

um das ganze Haus herum. Ausserdem fiel May auf, dass im Gang,

gegenüber vom Wachraum, eine Stelle mit einer Holzplatte verdeckt

war. Offensichtlich wurde hier irgendein Durchgang blockiert. Als

sie schliesslich die Wache nach dem Keller fragte, konnte sie an

der Reaktion ablesen, dass sich dort wohl etwas wichtiges befand.

Das hatten sie und Rally bereits vorher vermutet. Aber es war

immer gut, sich sicher zu sein. Alles, was jetzt noch fehlte, war

ein sicherer Eingang. Das Erdgeschoss war May zu gut bewacht.

Also ging sie zur Feuertreppe. Mit Hilfe einer alten Mülltonne

stieg sie hinauf in den ersten Stock. Auf jedem Stockwerk befand

sich eine Plattform. Diese war von einer Tür, und vom Fenster

links daneben (von aussen gesehen) erreichbar. May horchte am

Fenster. Als sie nichts hörte, hob sie vorsichtig eine Lamelle

der Storen an. Im Raum war niemand. Es war ein hübsch

eingerichtetes Büro. "Ist wohl das vom Boss", dachte sich May.

"Gleich bei der Feuertreppe." Sie ging weiter hoch. Das Zimmer im

zweiten Stock enthielt lediglich eine Matraze, die einen

unbequemen Eindruck machte. Die Zimmer im dritten und vierten

Stock waren sogar völlig leer. Schliesslich kam May aufs Dach.

Sie schaute sich um. Es gab einen Eingang hier oben. Ansonsten

war das Dach völlig leer.
 

Plötzlich klingelte das Handy. May schaute auf die Uhr. Vor fünf

Minuten hätte sie Rally anrufen sollen. Sie nahm den Anruf

entgegen.

"Hallo?", sagte sie mit schuldbewusster Stimme.

May konnte Rally erleichtert aufatmen hören. "Ich wollte nur

wissen, ob es dir gut geht."

"Sorry. Ich hab vergessen anzurufen", entschuldigte sich May.

"Wie immer", seufzte Rally. "Und? Hast du was herausgefunden?"

"Jede Menge."

May fasste kurz ihre bisherigen Beobachtungen zusammen. Dann

folgte eine kurze Pause.

"Okay", sagte Rally schliesslich. "Das reicht. Sag mir, wo ich

dich abholen soll."

"Noch gar nicht", antwortete May. "Erst will ich noch

herausfinden, wie wir reinkommen können."

"Das können wir immer noch heute Abend. Geh kein unnötiges Risiko

ein."

"Ach komm, Rally. Glaubst du, ich sei zum Spass auf das Dach

geklettert?"

"Du bist *was*?! Bist du verrückt? Was machst du, wenn Vectors

Männer dich entdecken?"

"Bisher bin ich noch nicht erschossen worden."

"Sehr witzig. Komm da sofort runter."

"Erst prüfe ich, ob wir ungesehen durch die Dachtür rein können."

"Nein, das tust du nicht! Und schon gar nicht durch die Dachtür.

Die ist noch am ehesten gesichert!"

May überlegte einen Moment. Dann sagte sie: "Stimmt. Ich nehme

einen anderen Weg."

"May war..."

Aber in diesem Moment unterbrach May die Verbindung. Sie war gut

genug, um das durchzuziehen. Und das würde sie Rally jetzt

beweisen.
 

May stieg wieder in den vierten Stock hinunter. Sie schaute sich

das Fenster an. Die Lamellen der Sonnenstoren liessen sich leicht

anheben. Das Fenster selbst war ein einfaches Schiebefenster. Die

Verriegelung war aber von aussen nur erreichbar, wenn man die

Scheibe zerstörte. May hatte keinen Glasschneider dabei, also

liess sie es bleiben. Sie ging zur Tür. Es war eine typische

Notausgangtür. Logischerweise hatte es aussen keine Klinke. Aber

dort, wo man normalerweise die Klinke vermuten würde, war eine

rostige Metallplatte, die von vier ebenso rostigen Schrauben

gehalten wurde. May hatte immer etwas Werkzeug dabei, um kleine

Bomben bauen zu können. Aus einer ihrer Taschen kramte sie einen

Schraubenzieher hervor. Sie setzte ihn an, konnte die Schraube

aber nicht lösen. Als sie es nochmals mit mehr Kraft versuchte,

brach der Schraubenkopf ab. "Völlig durchgerostet", sagte sich

May. Mit gezielten Schlägen enthauptete sie die drei restlichen

Schrauben. Dann entfernte sie die Platte. Dahinter war ein

Schloss. Offensichtlich diente es dazu, im Notfall die Tür von

aussen zu öffnen.
 

Tom, Stevensons Sicherheitschef, sass zufrieden in seinem Büro.

Das Labor war geschlossen, die Lieferverträge sistiert, und die

Ware abtransportbereit. Alles war vorbereitet für den Fall, das

sie evakuieren mussten. Aber eigentlich machte er sich keine

Sorgen wegen eines bevorstehenden Angriffs. Stattdessen versuchte

er abzuschätzen, wann er wohl wieder den Normalzustand herstellen

konnte. Daher war er nicht schlecht überrascht, als plötzlich

eines der Warnlichter auf der Kontrolltafel aufleuchtete. Tom

betrachtete die Tafel misstrauisch. Aber es gab keinen Zweifel:

Jemand war im vierten Stock durch den Notausgang eingedrungen!
 

May hatte keinen Dietrich dabei. Aber Sprengstoff. Und der

verwandelte das Schloss in einen Haufen rauchenden Schrott. Mit

einem Ruck zog May die Tür auf. Natürlich hätte sie auch durch

das Fenster einsteigen können. Aber wenn sie schon etwas

zerstören musste, dann lieber die Tür. Die war bequemer. Hinter

der Tür war ein kurzer Durchgang, der ins Gebäudeinnere zum

Hauptgang führte. May schaute sich um. Auch hier bog der Gang

links und rechts am Gebäudeende zur anderen Gebäudeseite ab.

Anscheinend ging er tatsächlich um das ganze Gebäude. Direkt

gegenüber dem Notausgang war das Treppenhaus. May schaute zum

Notausgang hinüber. Das Schloss, oder was davon übrig war, war

jetzt ziemlich schwarz. Es war zwar ziemlich dunkel bei der Tür,

aber es war trotzdem sichtbar. Eine Patrouille würde es

vielleicht entdecken, und die Tür verbarrikadieren. Andererseits

brauchte May nur die Verriegelung des Fensters daneben zu öffnen,

um problemlos dort einsteigen zu können. Sie betrat also den Raum

neben dem Notausgang. Der Raum war annähernd quadratisch, und

völlig leer. An der gegenüberliegenden Wand sah May das gesuchte

Fenster. Sie wollte bereits zur Tat schreiten, als sie plötzlich

jemanden die Treppe hochrennen hörte. May hechtete zur Tür, und

schloss sie.

"Mist! Schon weg", rief jemand.

"Mann oh Mann", sagte jemand anders. "Einfach aufgesprengt."

"Na schön. Dann suchen wir eben systematisch das Haus ab. Prüf

erstmal den Dachausgang."

"Okay."

May rannte zum Fenster. Diesmal prüfte sie es auf Kabel. Und

tatsächlich: Zwei Drähte führten vom Fenster weg. May kratzte mit

einem kleinen Messer die Isolation von den Drähten. Sie musste

vorsichtig sein, denn die Drähte waren dünn, und sie durfte sie

keinesfalls durchtrennen. Als sie fertig war, nahm sie ein Stück

Schnur, um die blanken Stellen zusammenzubinden. Sie hoffte

inständig, damit den Alarm zu überbrücken... und nicht

auszulösen. Als die Enden sich berührten, hielt sie einen Moment

inne. Entsetzt hörte sie, wie sich Schritte näherten.
 

Ein Mann riss die Tür auf, und kam mit vorgehaltener Pistole

herein. Es war einer von Stevensons Leuten, der Pech genug hatte,

von Tom angetroffen zu werden, als dieser die Treppe hoch

stürmte. Er sah sich kurz um. Der Raum war leer. Er wollte

bereits wieder gehen, als ihm etwas auffiel: Die Verriegelung des

Fensters war offen. Er ging zum Fenster, öffnete es, und hob die

Lamellen davor an. Es war aber niemand zu sehen. Missmutig

schloss und verriegelte er das Fenster wieder. Dann entdeckte er

Mays Überbrückung. Er nahm ein Messer, und schnitt die Schnur

durch, ohne die Drähte zu verletzen. Schliesslich verliess er den

Raum, und zog die Tür hinter sich zu. "Das Fenster war offen, und

der Alarm überbrückt", sagte er. "Er ist wohl schon weit weg."

Aber da irrte er sich. 'Er' war noch sehr nahe. Als May erkannt

hatte, dass die Zeit nicht mehr reichen würde, um aus dem Fenster

zu fliehen, hatte sie sich einfach hinter die Tür gestellt.
 

Es dauerte einige Minuten, bis May sich wieder zu bewegen wagte.

Erst, als sie die beiden Männer die Treppe hinab gehen hörte,

wagte sie sich wieder zum Fenster. Sie verband die Drähte wieder,

und kletterte durch das Fenster auf die Feuertreppe. Überrascht

sah sie ihren Fiat an der nächsten Kreuzung. Sie stieg die Treppe

runter, und rannte zum Wagen hinüber.

"Da bin ich wieder!", rief sie, als sie sich auf den

Beifahrersitz setzte.

Rally antwortete nicht. Sie sah May nur durchdringend an.

"Äh, was ist denn?", fragte May etwas verlegen.

"Warum hast du dein Handy abgeschaltet?"

"Na ja, damit es nicht klingelt, während ich drinnen bin."

"Hab ich dir nicht gesagt, dass du das bleiben lassen sollst?"

"Schon. Aber..."

"Verdammt, May, wann lernst du das endlich? Man bringt sich nicht

unnötig in Gefahr."

"Was heisst da unnötig? Die haben eine Alarmanlage installiert.

Wenn wir die erst heute Abend entdecken würden, würden wir ganz

schön in der Scheisse sitzen."

"Und was macht es für einen Unterschied, ob sie dich jetzt

schnappen, oder erst heute Abend?"

"Sie *haben* mich nicht geschnappt."

"Zum Glück nicht, nein."

Rally startete den Motor, und fuhr weg. May war sauer. Nur weil

Rally ein Jahr älter war, musste sie sich noch lange nicht so

rechthaberisch aufführen. Da fiel ihr ein letzter Trumpf ein:

"Ich habe übrigens einen Eingang gefunden."

"So." Rally klang reichlich desinteressiert. Aber May liess sich

davon nicht täuschen.

"Beim Fenster im vierten Stock bei der Feuerleiter habe ich die

Alarmanlage überbrückt. Wir können rein und raus wie es uns

beliebt."

Rally sagte einen Moment nichts. Dann seufzte sie. "Na schön, gut

gemacht. Aber sei in Zukunft vorsichtiger."

"Okay", erwiderte May fröhlich. Aber Rally blieb ernst:

"Die Hauptarbeit steht uns nämlich noch bevor."

Bombenlegen für Fortgeschrittene

Am späten Nachmittag fanden Rally und May sich bei Ken ein. Der

zeigte ihnen seine Arbeit. Die Bombe war eine kleine Metallbox,

etwa so gross wie zwei aufeinander gestapelte Videokassetten. Die

einzigen Bedienelemente waren ein Knopf und eine LED. Ken

erklärte, wie sie funktionierte:
 

"Das ganze ist sehr einfach gehalten. Wichtig ist nur, das ihr

die Bombe gut platziert. Wenn sie scharf ist, darf sie sich auf

keinen Fall mehr bewegen. Sonst geht sie sofort los. Sorgt also

dafür, das sie einen sicheren Stand hat, gut aufgehängt ist, oder

was auch immer."

"Alles klar. Ein empfindlicher Bewegungssensor also", sagte May.

"Nicht nur das. Im inneren befindet sich ein Netz aus

Kleinstdrähten, die bei einem gewaltsamen Öffnen reissen. Bei

einem Temperatursturz geht ebenfalls ein Sensor los, so das

Tricks mit flüssigem Stickstoff nicht greifen. Der eigentliche

Zündmechanismus basiert auf einer simplen Metallfeder, und geht

los, wenn die Elektronik ausfällt."

May zog die Augenbrauen hoch. "Kann man die überhaupt

entschärfen?", fragte sie.

"Kaum", erwiderte Ken. "Man könnte versuchen, die Aussenschale so

vorsichtig zu entfernen, das weder die Drähte verletzt, noch der

Bewegungssensor ausgelöst wird. Aber ich würde die Finger davon

lassen."

May war einen Augenblick lang still. Sie schaute Ken mit einem

scheelen Blick an.

"Nicht zu entschärfen", sagte sie schliesslich.

Ken nickte.

"Wieso?"

"Es ist einfacher, eine Bombe zu bauen, die sich nicht

entschärfen lässt, als eine, die sich schwer entschärfen lässt.

Normalerweise lasse ich mir eine Hintertür offen. Aber diesmal

war ich in Eile, also..."

May seufzte. "Na schön. Wie macht man sie scharf?"

Ken deutete auf den Knopf an der Bombe. "Einfach hier drücken.

Als Bestätigung sollte die LED kurz aufleuchten. Wenn sie mal

scharf ist, gibt es zwei, voneinander unabhängige Zünder. Der

erste ist an die verschiedenen Sensoren gekoppelt. Der

zweite...", Ken gab May einen Funkauslöser, "...wird hiermit

ausgelöst. Das Signal ist stark genug, um durch mehrere Mauern

Stahlbeton zu dringen. Ausserdem geht die Bombe in spätestens

drei Tagen von selbst los. Dann ist nämlich die Batterie alle,

und die Elektronik fällt aus."

"Alles klar." May nahm die Bombe und den Zünder entgegen.

"Sei vorsichtig damit", warnte Ken. "Das Ding ist gefährlich."

May nickte nur.

"Was passiert eigentlich, wenn die Bombe ausgelöst wird?", fragte

Rally, der Mays Unbehaglichkeit natürlich nicht entgangen war.

"Nun, für etwa zehn Sekunden wird der Raum mit Aerosol gefüllt.

Dann wird es gezündet. Das Feuer sollte die Drogen verbrennen,

bevor ein Feuerlöscher vor Ort ist."

Rally konnte daran nichts finden, was May beunruhigen könnte. Sie

würde bei Gelegenheit nachfragen.
 

Als die Sonne unterging, war alles bereit: Rally und May trugen

immer noch die Verkleidungen vom Nachmittag, und sie benutzten

wieder den Fiat. May bestand darauf, zu fahren. Immerhin war es

ihr Wagen. Für Notfälle hatte Rally Ken beauftragt, etwa einen

Kilometer weiter mit dem Cobra zu warten. Schliesslich kamen

Rally und May in der Nähe von Stevensons Hauptquartier an.

Während May die Bombe aus dem Kofferraum holte, prüfte Rally ihre

Waffen. Wegen der Verkleidung konnte sie nicht beliebig viel

mitnehmen. Sie hatte sich für ihr Lieblingsstück, die CZ-75,

entschieden. Ausserdem hatte sie zwei volle Ersatzmagazine dabei,

wodurch sie immerhin über 46 Schuss verfügte. Desweiteren hatte

sie ihre DUO auf der Schiene im Ärmel versteckt. Die gute, alte

22.-er hatte sie schon mehr als einmal gerettet. May hatte es

sich natürlich nicht nehmen lassen, ein paar Granaten

mitzunehmen. Rally gefiel das gar nicht, denn sie wollte

möglichst unentdeckt bleiben. Granaten waren dafür ein schlechtes

Mittel. Immerhin konnte sie May überreden, sich auf vier Stück

mit reduzierter Sprengkraft zu beschränken.
 

Der Einstieg erwies sich als einfach. Das Fenster war immer noch

entriegelt. Auch die erneute Überbrückung der Alarmanlage war

nicht entdeckt worden, wie May zufrieden feststellte. Rally

zückte die Waffe und entsicherte sie. Nach Mays Aussagen glaubte

sie zwar nicht, das die Zimmer hier oben überhaupt benutzt

wurden. Aber es bestand immer die Möglichkeit, dass sie einer

Patrouille begegneten. Sie horchte an der Tür. Dann öffnete sie

sie vorsichtig. Der Gang war dunkel. Rechts konnte Rally das

Treppenhaus erkennen.

"Und jetzt?", fragte sie leise. "Da runter?"

"Ich denke schon", flüsterte May. "Es gibt noch ein zweites

Treppenhaus, aber das ist vermutlich blockiert. Und heute Morgen

sind hier zwei Wachen hochgekommen. Es ist wohl schon der

richtige Weg."

Rally drehte sich zu May um. Es war zu dunkel, um Rallys

Gesichtsausdruck zu erkennen. Aber von irgendwo her wusste May,

dass sie gerade ziemlich böse angefunkelt wurde.

"Sie haben dich entdeckt, nicht wahr?", zischte Rally.

May wollte entrüstet Antworten. Im letzten Moment fiel ihr ein,

wo sie sich befanden. Sie wählte einen leiseren Tonfall:

"Sie haben mich nicht entdeckt. Sie haben... sie haben nur

gemerkt, das jemand da war."

Rally schüttelte den Kopf. "Das hättest du sagen müssen", seufzte

sie. "Die sind jetzt gewarnt. Wir müssen vorsichtig sein."
 

Leise stiegen Rally und May die Treppen hinunter. Sie kamen ohne

Schwierigkeiten bis in den zweiten Stock. Im ersten Stock

allerdings, soviel war von oben zu sehen, brannte das Licht.

Rally ging daher besonders vorsichtig nach unten. Als sie halb

unten war, konnte sie einen Blick in den ersten Stock erhaschen.

Ihre Vorsicht war nicht umsonst gewesen: Ein ziemlich massiger

Typ, Marke Schwarzenegger, sass auf einem Stuhl vor der Treppe,

und 'las' eines jener Blätter, die im Kiosk meist ganz oben auf

den Regalen zu finden waren, damit die Kinder sie nicht so

einfach erreichten. Es war natürlich Tom, der Sicherheitschef.

Aber das wusste Rally nicht. Sie wusste nur eines: Irgendwie

mussten Sie an dem Kerl vorbeikommen. Es gab zwei Möglichkeiten:

Erstens, sie gingen hier nach unten. Diese Möglichkeit gefiel

Rally nicht. Nicht so sehr, weil sie dazu Tom überwinden mussten,

sondern vielmehr, weil sie so wahrscheinlich Aufsehen erregen

würden. Und genau das wollte Rally um jeden Preis vermeiden. Die

andere Möglichkeit war, sich einen anderen Abgang zu suchen.

"May", fragte Rally leise, "gibt es noch einen anderen Weg nach

unten?"

May machte ein etwas enttäuschtes Gesicht. Offensichtlich hätte

sie lieber etwas Radau gemacht. Aber sie war sich über die

Situation durchaus im Klaren. Sie überlegte: "Wie ich schon

gesagt habe, gibt es noch eine zweite Treppe auf der anderen

Seite des Hauses. Aber soweit ich gesehen habe, ist die

blockiert."

"Blockiert?"

"Ja, mit einer Holzplatte."

"Hmmmm..."

Rally dachte einen Moment nach. Viel Zeit dazu hatte sie

allerdings nicht, denn auf einmal konnte sie von unten Schritte

hören. Vorsichtig schaute sie wieder in den ersten Stock hinab.

Sie konnte erkennen, das zwei Männer gerade auf die Treppe zu

kamen.

"Nanu?", sagte einer der beiden. "Du sitzt immer noch hier?"

Tom sah missmutig zu ihm auf. "Hast du nicht gehört? Wir hatten

heute einen Eindringling! Vielleicht sollte ich deine Sinne mal

auf Trab bringen."

"Wir hatten heute *Morgen* einen Eindringling. Und soviel ich

gehört habe, hast du den armen Hawkins durch das halbe Gebäude

gehetzt, bis du überzeugt warst, dass er weg ist."

"Und wer sagt dir, dass er sich nicht immer noch irgendwo

versteckt?"

Toms Gesprächspartner schüttelte nur den Kopf. "Du bist ja

paranoid", sagte er.

"Mag sein", erwiderte Tom. "Aber bisher hat uns diese Paranoia

immer gut beschützt."

"Bisher... gab es nichts wovor sie uns beschützen müsste."

"Das reicht jetzt aber! Los, ab ins Körbchen, ihr beiden, oder

ich prügle euch dorthin!"

Mit diesen Worten jagte Tom die beiden lachenden Männer die

Treppe hoch. Rally reagierte schnell. Sie rannte die Treppe hoch,

wobei sie May mit sich riss, und stürmte oben in das erstbeste

Zimmer. Erst zog sie May hinein, und dann die Tür zu. Sie

versuchte, ihren Atem zu bändigen, während die Schritte näher

kamen.

"Du Rally", flüsterte May.

"Nicht jetzt", zischte Rally.

"Als ich das erste mal hinaufstieg, da habe ich..."

"Scht!"

"Ich habe eine leere Matratze gesehen."

Rally gab auf. "Und?", seufzte sie.

"Sie ist nicht mehr leer."

Rally sah sich um. Tatsächlich schlief jemand auf der Matratze.

Innerlich fluchend horchte sie an der Tür. Keine Chance. Die

Schritte waren bereits zu nahe. Rally hielt den Atem an, aber die

Männer gingen einfach am Zimmer vorbei. Sie lachten immer noch.

"Ach herrje", sagte einer. Vermutlich derselbe, der unten stumm

geblieben war. "Nächstes Mal nehmen wir besser den anderen Weg."

"Welchen anderen Weg denn? Es gibt keinen anderen Weg."

"Oh, hab ich etwas von einem anderen Weg gesagt?"

Beide lachten wieder. Allmählich verhallten die Schritte im Gang.
 

Rally und May verliessen das Zimmer. Vorsichtig schlossen sie die

Tür hinter sich. Erst dann wagten sie es, auf zu atmen.

"Das war knapp", sagte May.

"Allerdings", bestätigte Rally. "Aber immerhin wissen wir jetzt

sicher, das es noch einen anderen Weg geben muss."

May zuckte mit den Schultern. "Vielleicht ist die andere Treppe

nur im Erdgeschoss blockiert."

"Schauen wir nach", sagte Rally. Langsam schlichen sie sich durch

den Gang. Immer bereit, in eines der Zimmer zu springen. Aber sie

kamen ohne weitere Zwischenfälle auf die andere Seite. Leider war

die andere Treppe aber auch hier blockiert.

"War wohl nix", meinte May enttäuscht.

Rally sagte nichts. Sie schaute nur angestrengt auf die

Holzplatte. Dann drückte sie leicht. Nichts passierte. Sie

schaute noch einmal genauer hin, und drückte an einer anderen

Stelle. Es knirschte leicht. Rally lächelte triumphierend. Sie

drückte stärker, und plötzlich löste sich ein Teil des Brettes.

Rally fing es auf, bevor es lärmend in das Treppenhaus fallen

konnte.

"Das war es also", sagte sie.

"Ein geheimer Durchgang", meinte May erstaunt. "Vielleicht um

unbemerkt an der Wache vorbei zu kommen?"

"Egal. Jedenfalls kommen wir so viel leichter nach unten. Komm

schnell."
 

Rally setzte die Platte wieder vorsichtig an ihren Platz, bevor

sie und May nach unten gingen. Es war stockdunkel, aber May hatte

eine kleine Taschenlampe dabei. Tatsächlich waren auch die

anderen Stockwerke blockiert. Durch die Dunkelheit im Treppenhaus

konnte man aber auch erkennen, das alle Platten gleich präpariert

waren, denn von aussen schimmerte Licht durch die Ritzen. Im

Keller war allerdings nichts zu erkennen. Vermutlich war das

Licht im Gang ebenfalls abgeschaltet. Rally liess sich davon

nicht stören. Sie tastete das Brett ab, und stellte fest, das

auch dieses präpariert war. Sie horchte kurz, und als nichts zu

hören war, öffnete sie auf die gleiche Weise wie oben den

Durchgang. Im Gang schauten sie sich kurz um. Er sah aus, wie die

Gänge oben. Ausser, das hier Rohre von der Decke hingen, und das,

wie Rally bereits richtig vermutet hatte, das Licht ausgeschaltet

war.

"So", sagte sie. "Jetzt müssen wir nur noch das Lager finden."

Sie versuchte die Tür gegenüber. May leuchtete mit der

Taschenlampe herum. Der Raum enthielt jede Menge Geräte, wobei

einige offensichtlich abtransportbereit waren. Aber es lagen

keine Drogen herum.

"Das muss das Labor sein", sagte May. "wir könnten die Bombe auch

hier platzieren." Rally schüttelte den Kopf. "Was bringt es, wenn

wir das Labor zerstören? In ein oder zwei Tagen ist die Bande

sowieso aus dem Geschäft."

"Stimmt auch wieder."

May und Rally schauten sich die Räume daneben und gegenüber an,

aber sie waren alle leer.

"Seltsam", sagte May. "Es ist doch nicht üblich, die Drogen weit

vom Labor entfernt zu lagern, oder?"

"Vielleicht wollen sie umziehen", erwiderte Rally. "Umziehen?",

fragte May verdutzt. "Wie kommst du darauf?"

"Vector hat erwähnt, das Stevenson nervös ist. Und ausserdem

waren einige der Geräte im Labor transportfertig. Sie werden die

Drogen wohl irgendwo hin gebracht haben, wo sie schnell wegzuschaffen

sind."

"Meinst du, sie liegen im Erdgeschoss?"

"Kaum. Das Risiko wäre zu gross."

"Also noch im Keller." May überlegte: "Vielleicht bei der anderen

Treppe... Der Notausgang ist gleich darüber... Was meinst du?"

Rally blickte May erstaunt an. "Na klar! Das ist es!", sagte sie.

"Gut gedacht, May."

Zum Glück konnte Rally Mays siegreiches Grinsen in der Dunkelheit

nicht sehen. Sie hätte ihr Lob womöglich bereut.
 

Zurück auf der anderen Seite sahen sie, das Licht im Treppenhaus

brannte. Misstrauisch und vorsichtig schauten sie nach oben. Aber

es war niemand zu sehen. Also gingen sie zur Tür gegenüber. Rally

horchte kurz daran, dann öffnete sie sie schnell, aber

geräuschlos. Sie sah sich schnell um. Es war niemand da, aber der

Raum war nicht leer. Ganz und gar nicht. Er war Stapelweise mit

kleinen grauen Päckchen gefüllt.

"Ach du...", sagte May etwas zu laut.

Erschrocken schaute sie zur Treppe. Aber sie schien nicht gehört

worden zu sein. Leise kam sie hinter Rally her in den Raum, und

schloss die Tür. Sie leuchtete etwas herum. Schliesslich fand sie

den Lichtschalter. Als sich ihre Augen an die plötzliche

Helligkeit gewöhnt hatten, sah sie, dass sie sich nicht getäuscht

hatte: Der Raum enthielt hunderte von den Päckchen.

"Ach du meine Güte", vervollständigte sie den begonnen Satz,

diesmal leiser. "Wenn das wirklich alles Drogen sind, dann ist

das Zeug hier ein Vermögen wert."

Rally hatten einen entschlossenen Gesichtsausdruck angenommen.

Sie nahm sich eines der Päckchen, und öffnete es. Es enthielt ein

gräuliches Pulver. Rally versuchte davon.

"Und?", fragte May.

"Ich bin kein Experte," sagte Rally, "aber das sind ziemlich

sicher Drogen. Wenn auch grosszügig mit Zucker gestreckt."

"Schlechte Qualität was? Der Markt ist wohl ausgetrocknet."

"Der Markt *ist* ausgetrocknet", bestätigte Rally. "Und er wird

es gleich noch etwas mehr sein. Aber das ist nicht unser

Problem."

Sie schloss das Päckchen wieder, und legte es zurück. Dann drehte

sich zu May um: "Jetzt bist du drann."

"Alles klar", sagte May, und begann sich nach einem geeigneten

Platz für die Bombe umzusehen.
 

In diesem Moment schnappte das Türschloss zu.

Sein und Schein

"Jetzt hab ich euch, ihr zwei Hübschen!", rief Tom von aussen.

"Unbemerkt an mir vorbei zu kommen, ist keine schlechte Leistung.

Alle Achtung. Aber ich hab eine Videokamera hier unten, tut mir

leid."
 

Rally knirschte mit den Zähnen. Jetzt sassen sie und May im

Lagerraum fest. Das wäre an sich ja nicht tragisch gewesen, denn

Rally zweifelte keine Sekunde, dass sie hier problemlos

ausbrechen konnten. Viel schlimmer war, dass sie überhaupt

entdeckt worden waren. Dieser Vorfall war vielleicht genug, um

Stevenson zur Evakuierung des Gebäudes zu bewegen. Und wenn das

geschah, wäre alles umsonst gewesen. Irgendwie musste sie ihn

davon überzeugen, dass von ihr keine Gefahr ausging.

Tom meldete sich wieder: "Also Mädels. Ich hatte gerade den Boss

am Draht, und der will euch persönlich sprechen. Fühlt euch

gefälligst geehrt. Oh, und ich habe eine Wache vor dem Raum

plaziert. Seit also so nett, und haut nicht ab."

Rally konnte hören, wie Tom sich lachend entfernte. Sie sah sich

kurz im Raum um, und entdeckte rechts oberhalb der Tür eine

Kleinstkamera. Mit einem gezielten Schuss setzte sie sie ausser

Funktion.

"Äh, Rally?", fragte May.

Rally drehte sich zu ihr um.

"Was soll ich jetzt eigentlich damit machen?"

May hielt die Bombe in Händen.

"Installier sie", entschied Rally.
 

Stevenson hatte beim Aufbau seines Syndikats ein paar kapitale

Fehler gemacht. Aber der wohl schlimmste war eine völlige

Fehleinschätzung der Gefahrenquellen. Er fürchtete die Polizei,

und er misstraute seinen Angestellten. Aber er dachte kaum an die

Gefahr, die von den anderen Syndikaten ausging. Im Gegenteil: Er

sah sich bereits als Handelspartner. Er ahnte nicht, dass die

anderen Syndikate lediglich daran interessiert waren, ihn

möglichst schnell aus dem Weg zu räumen. Oder dass sie Vector auf

ihn angesetzt hatten. Oder dass dieser sein Labor überwachen

liess. Genau so aber war es. Daher war Vector über die Situation

an diesem Abend recht gut im Bilde. Als er erfuhr, dass Stevenson

frühzeitig zurückkehrte, wusste er, dass die Dinge anders liefen,

als geplant. Er rief John, seinen Assistenten, zu sich:

"Es scheint, als wäre irgend etwas schief gelaufen. Wir gehen zu

Plan B über. Wie lange brauchen wir für die Vorbereitungen?"

"Der Computerspezialist meinte, er brauche etwa eine

Viertelstunde, um die Daten einzugeben", antwortete John. "Von da

an können wir die Aktion jederzeit starten."

"Gut. Sag ihm, er soll sofort damit anfangen. Und ich brauche

meinen Wagen."

"Sir?"

"Wir ziehen dass noch heute Nacht durch."

"Alles klar."
 

May hatte neben den Stapeln eine Stelle gefunden, wo die Bombe

nicht ohne weiteres sichtbar war. Dort hatte sie die Bombe mit

einem Packetklebeband befestigt. Sie drückte den Knopf, und, wie

versprochen, leuchtete die LED kurz auf. May ging wieder zu Rally

hinüber.

"So, das wärs", sagte sie. "Die geht jetzt auf jeden Fall hoch."

"Fang!", rief Rally.

Sie warf May zwei Päckchen mit Kerosin zu.

"Wir überzeugen Stevenson davon, dass wir lediglich ein paar von

den Päckchen klauen wollen", erklärte sie.

May war das nicht ganz geheuer. "Ist das nicht etwas riskant?",

fragte sie.

"Hast du eine bessere Idee?"

"Wie wärs mit abhauen?"

"Wenn wir das machen, dann macht sich Stevenson mit Sicherheit

aus dem Staub. Er darf den wahren Grund unserer Aktion nicht

mitbekommen."

"Schon klar."

Mays Unbehaglichkeit wurde langsam augenfällig. Rally konnte ihre

Neugier nicht länger zügeln:

"Sag mal, warum bist du so nervös? Wir waren schon in

gefährlicheren Situationen."

May seufzte. "Es ist wegen der Bombe", sagte sie schliesslich.

"Wegen der Bombe? Seit wann hast du Angst vor Bomben?"

"Darum geht es nicht. Weisst du, wie Aerosol wirkt?"

Rally schüttelte den Kopf.

"Nun, Aerosol sind feinste Tropfen einer Flüssigkeit. So fein,

dass sie in der Luft schweben. Für Bomben nimmt man etwas

Brennbares. Wenn das ganze entzündet wird... Bumm!"

May sagte nichts weiter. "Und?", fragte Rally nach einer Weile.

"Bei einigen tausend Grad Celsius", ergänzte May. "Wenn wir noch

im Raum sind, wenn die hochgeht, kann man uns bestenfalls noch

aufgrund der Zahnabdrücke identifizieren. Mal ganz abgesehen

davon ist der Explosionsdruck gewaltig. Falls Ken die Dosis

falsch berechnet hat, könnte das ganze Gebäude einstürzen."

Rallys Augen weiteten sich. Bisher hatte sie nicht gewusst, was

für ein Monster von Bombe Ken da gebaut hatte. Jetzt wusste sie

es, war sich aber nicht sicher, ob sie über dieses Wissen

glücklich war.
 

Stevenson erreichte das Labor. Er stieg aus seinem weissen

Mercedes, und gab dem Fahrer ein Zeichen. Dieser fuhr daraufhin

den Wagen in die nächste Garage. Der Mercedes war in dieser

Gegend fiel zu auffällig. Normalerweise wäre Stevenson in der

Garage ausgestiegen, und zum Labor gelaufen. Aber jetzt hatte er

es eilig. Er ging zum Eingang. Neben der Wache wartete Robert auf

ihn. Stevenson war nicht sonderlich überrascht. Der arme Robert

hatte schlicht kein Durchsetzungsvermögen. Darum erwischte er

immer die schlechten Jobs.

"Guten Abend, Sir", sagte Robert.

"Nett gemeint, Robert, aber der Abend ist auf jeden Fall im

Eimer", brummte Stevenson.

Er und Robert gingen zum Büro hoch.
 

Die Tür des Lagerraums öffnete sich. Tom stand im Eingang. In

seiner rechten Hand hielt er eine Uzi im lockeren Anschlag, als

wollte er damit sagen: "Ich bin kräftig genug, eine automatische

Waffe aus der Hüfte zu feuern." Rally erkannte aber auf den

ersten Blick, das selbst jemand, der so kräftig gebaut war wie

Tom, so unmöglich auch nur einigermassen präzise schiessen

konnte. Die meisten Schüsse wären vermutlich in der Decke

gelandet. Rally konnte der Versuchung, einfach abzuhauen, nur mit

Mühe widerstehen.

"Also schön!",rief Tom. "Der Boss ist jetzt da, und will euch

sehen. Aber vorher soll ich noch eure Waffen einsammeln. Also

los."

Ein weiterer von Stevensons Männern betrat den Raum. Er hielt

eine Kartonschachtel in Händen, welche er neben Tom auf den Boden

stellte. Dann ging er auf Rally zu, und streckte die Hand aus.

Diesmal juckte es Rally wirklich, denn nun stand er genau

zwischen ihr und Tom. Aber sie liess sich nichts anmerken, und

gab ihm die Pistole. Er warf sie achtlos in die Schachtel.

"Hände hoch", sagte er.

Rally tat, wie ihr geheissen. Der Mann ging um sie herum, und

griff ihr von hinten an die Brust.

"Was soll das!?", schrie Rally ihn an.

"Na, ich taste sie nach versteckten Waffen ab", war die Antwort.

"Ach was?", fragte Rally sarkastisch.

Tom kicherte: "Schon gut, mach weiter. Der Boss wartet."

"Okay", sagte der Mann grinsend, und tastete Rally nach unten ab.

Er fand die Kerosinpäckchen und die Ersatzmagazine. Beides warf

er zur Pistole in die Schachtel. Dann wiederholte er dieselbe

Prozedur bei May. Er fand auch ihre Kerosinpäckchen, drei

Granaten, das Klebeband, und das Werkzeug. Den Auslöser für die

Bombe fand er nicht.
 

"Also Robert, mal ganz von Anfang an."

Stevenson hatte sich in seinen Bürosessel gesetzt. Robert stand

ihm gegenüber.

"Zunächst einmal würde mich interessieren, wie die überhaupt rein

gekommen sind."

Robert nickte. "Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Heute

Vormittag, kurz nachdem Sie das Haus verlassen hatten, ist zwar

jemand im vierten Stock durch den Notausgang eingedrungen, und

hat die Alarmanlage im Zimmer daneben überbrückt. Aber die

Überbrückung wurde entdeckt und entfernt. Ausserdem: Selbst wenn

sie dort eingedrungen sein sollten, stellt sich die Frage, wie

sie ungesehen in den Keller kamen. Wegen der Sache am Vormittag

hielt Tom nämlich bei der Treppe im ersten Stock Wache."

"Dann sind sie im Erdgeschoss eingestiegen?"

Robert zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Sie haben keine

der Alarmanlagen ausgelöst. Ausser dem Haupteingang ist alles

gesichert. Und ich bezweifle doch sehr, dass sie dort durch sind.

Überhaupt haben wir sie erst entdeckt, als sie in den Lagerraum

gingen. Dort haben sie die Kamera übersehen. Trotzdem recht

professionell, das ganze."

Stevenson nahm es mit Unbehagen zur Kentniss. "Das gefällt mir

überhaupt nicht", sagte er.

Es klopfte.

"Herein!", rief Stevenson.

Rally öffnete die Tür, und betrat den Raum. Danach kamen May und

Tom. Tom hatte seine Uzi auf die beiden gerichtet. Als Stevenson

May sah, klappte sein Kiefer nach unten. Auch Robert konnte seine

Überraschung nicht verbergen.

"Ja, das darf doch nicht...!", rief Stevenson.

"Hi", sagte May verlegen.

Tom war sichtlich verdutzt. Rally sah May mit ihrem "Was

verbirgst du wieder vor mir"-Blick an.

"Äh, können wir später darüber reden?", meinte May.

Tom räusperte sich: "Ahem. Das hier hatten die beiden bei sich."

Er hielt die Schachtel, mit Rally und Mays Sachen hoch. Stevenson

schaute zu Robert. Der holte die Schachtel, und gab sie

Stevenson. Der legte die Sachen auf dem Pult aus. Er kratzte sich

am Kopf.

"Nettes Arsenal habt ihr dabei", meinte er. "Wem von euch gehören

die Granaten?"

Rally machte eine Kopfbewegung zu May, worauf diese noch etwas

verlegener wurde.

"Hätt ich mir ja denken können", seufzte Stevenson.

Er räumte alles, ausser den Kerosinpäckchen, wieder in die

Schachtel, und stellte sie auf seiner Seite des Pults auf den

Boden.

"Hinsetzen!", befahl er.

Rally und May gingen auf den einzigen Stuhl zu, der auf ihrer

Seite des Pults stand. Stevenson warf Robert einen Seitenblick

zu, worauf dieser aus einer Ecke einen zweiten Stuhl holte, und

vor das Pult stellte. Rally und May setzten sich.

"Gut", sagte Stevenson. "Das wär dann alles, Tom."

"Sie finden mich im Überwachungsraum", erwiderte dieser, und

ging.

Robert zog seine Pistole, und verschränkte seine Arme. Stevenson

wunderte sich.

"Nur zur Sicherheit", erklärte Robert ungefragt. Und zu den

Mädchen: "Ich trau euch nämlich nicht."

Stevenson zuckte mit den Schultern. Dann wandte er sich wieder

den Mädchen zu:

"Na schön. Ich nehme an, ihr wisst was sich in diesen Päckchen

befindet?"

Rally wollte antworten, aber May war schneller:

"Kerosin. Synthetische Droge. Wirkung ähnlich der von LSD. Hohes

Suchtpotential."

"Schön. Ich sehe, ihr habt eure Hausaufgaben gemacht. Ihr wolltet

wohl eure Kasse etwas aufbessern, was? Sind euch meine Preise

nicht tief genug?"

"Eigentlich hoffte ich, hier Stoff von besserer Qualität zu

finden", meinte Rally.

"Ach, reines Zeugs wollt ihr", sagte Stevenson. "Tja, Pech

gehabt. Mein Labor ist derzeit geschlossen. Nur meine

Lagerbestände sind noch da. Und die sind bereit für den Verkauf."

"Bereit für den Verkauf. So nennt ihr das. Nicht genug, dass ihr

dieses Gift in Umlauf bringt, ihr betrügt auch noch eure Kunden."

"Bitte?"

"Glaubt ihr etwa, ich habe es nicht probiert? Da drinn ist mehr

Zucker als sonst was."

Eine unangenehme Stille folgte, während der sich Rally und

Stevenson gegenseitig anfunkelten. Schliesslich ergriff Stevenson

wieder das Wort:

"Nun, immerhin wird es ja gekauft."

"Klar", konterte Rally. "Weil ihr es billig verscherbelt."

"Man kriegt, wofür man bezahlt."

Rally schüttelte den Kopf. "Ich gebs auf", seufzte sie.

"Schön", meinte Stevenson, und lehnte sich zurück. "Nachdem das

geregelt wäre, können wir ja zur Fragestunde übergehen. Also.

Frage 1: Wie habt ihr dieses Haus gefunden."

"Wir haben die Verkaufskette zurückverfolgt. Es war nicht all zu

schwer."

"Ihr habt keinen Tipp erhalten?"

"Nein."

Stevenson beäugte Rally misstrauisch. Doch Rally war bereits

öfters in derartigen Verhören. Sie hatte gelernt, zu bluffen.

"Verstehe", meinte Stevenson schliesslich. "Na schön. Frage 2:

Wie seit ihr hier rein gekommen?"

"Durchs Fenster neben dem Notausgang im vierten Stock", sagte

Rally.

"Ich hab die Alarmanlage überbrückt", ergänzte May.

"Ich dachte, die Überbrückung sei aufgehoben worden?", fragte

Stevenson Robert.

"So hat Tom es mir berichtet, Sir", verteidigte sich dieser.

"Das ist schon richtig", wandte May ein. "Nur leider war ich da noch

im Haus."

Stevenson schaute sie etwas scheel an.

"Also ich muss schon sagen... Ach egal. Frage 3: Mir ist noch

nicht ganz klar, was ihr mit den Drogen wolltet. Also?"

"Es schien einfach ein lukratives Geschäft zu sein. Der Markt ist

ausgetrocknet. Hochwertiges Material müsste sich da zu

Höchstpreisen verkaufen lassen", sagte Rally.

"Und da fiel euch nichts besseres ein, als bei mir einzubrechen?"

"Warum auch nicht? Es schien uns der einfachste Weg."

"Wieso versucht ihr es nicht mit dealen?"

"Damit lässt sich doch kein Geld mehr verdienen, seit die Preise

wieder runter sind."

"Es lässt sich immer noch recht gut davon leben. Und es wäre

wenigstens halbwegs anständig."

"Moment mal, wir reden hier von Drogen, nicht? Und dazu noch von

recht gefährlichem Zeugs. Ich sehe keinen grossen Unterschied, ob

ich das Zeugs jetzt 'ehrlich' erworben, oder geklaut habe."

"Nette Einstellung."

"Gleichfalls."
 

Stevenson und Rally funkelten sich eine Weile lang böse an. May

fragte sich bereits, ob Rally nicht vielleicht etwas zu weit

gegangen sei. Aber Stevenson beruhigte sich wieder.

"Also schön, ihr zwei", meinte er leicht verärgert. "Wenn ihr

hier heil raus wollt, solltet ihr besser mit uns kooperieren."

"Kooperieren?", fragte Rally. "Inwiefern?"

"Nuuun. Zum Beispiel hätte Ich durchaus noch Bedarf für

Zwischenhändler."

"Sir!", wandte Robert ein.

"Unter Überwachung natürlich", beruhigte ihn Stevenson.

"Das meinen Sie doch nicht im Ernst?", fragte Rally.

"Warum nicht?", fragte May.

"Was!?"

"Überleg doch mal", flüsterte May. "Es wär nur für ein paar Tage.

Wir brauchen das Zeugs ja nicht zu verkaufen."

"Und was, wenn die Polizei es bei uns findet?", flüsterte Rally

zurück.

"Dann tarnen wir es als Granaten."

"Sehr witzig."

May spielte damit auf das nicht gerade kleine und keineswegs

legale Lager an Granaten in Rallys Laden an. Sie waren deswegen

bereits einmal in Schwierigkeiten geraten.

"Was ist jetzt?", fragte Stevenson ungeduldig.

Rally überlegte einen Moment. Es war riskant. Aber andererseits

galt das für das ganze Unternehmen.

"Meinetwegen", meinte Sie schliesslich. "Wenn es keinen anderen

Weg gibt..."

"Einen anderen Weg?", fragte Stevenson. "Hmmm... nun ja...

vielleicht..."

Rally gefiel das Grinsen, das sich auf Stevensons Gesicht

bildete, nicht. Es ging einen Augenblick, bis sie realisierte,

dass Stevenson die ganze Zeit auf ihre Brust starrte. Rally

konnte den Blutdruck förmlich ansteigen fühlen. Zwei solche Typen

an einem Abend waren ein bisschen viel.

"Ist... das... ein... Scherz...?", fragte sie, sichtlich um ihre

Beherrschung ringend.

"Ach wirklich?", fragte May zuckersüss.

Stevenson war baff. Während Rally jetzt den Eindruck eines

Vulkans kurz vor der Explosion machte, war bei May nichts mehr

von ihrer vorherigen Kindlichkeit oder Unschuld sichtbar. Rally

beruhigte sich wieder. Sie schaute May aber verächtlich an.

Natürlich wusste sie, das May damals in Chinatown nicht nur

Frühlingsrollen verkauft hatte. Aber solche 'Manöver' gehörten

ihrer Meinung nach bestenfalls zum Notrepertoire einer

Prämienjägerin. May war da freilich ganz anderer Ansicht.
 

May öffnete die Träger ihrer Latzhose, so dass das Vorderteil

herunter klappte. Den Gürtel liess sie noch geschlossen. Dann

lehnte sie sich langsam über das Pult, bis ihr Gesicht ganz nahe

an dem Stevensons war.

"Also", sagte sie, "entweder wir arbeiten künftig als Dealer für

dich, oder", sie stand etwas auf, so dass der Ausschnitt ihres

T-Shirts in Stevensons Blickfeld kam, "wir... leisten eine kleine

Kompensation für den verursachten Ärger".

Der Ausschnitt war recht gross, und erlaubte Stevenson einen

guten Einblick.

"Donnerwetter. Für ein Kind ist die aber gut gebaut", dachte er

sich.

Robert erkannte an Stevensons Blick, dass er gerade etwas

verpasste. Er versuchte, ebenfalls einen Blick auf das, was

Stevenson gerade so intensiv betrachtete, zu erhaschen. Aber von

seinem Standpunkt aus war das schlicht unmöglich.

"Ja", sagte Stevenson schliesslich, "darüber liesse sich

diskutieren."

"Darf ich noch eine dritte Möglichkeit vorschlagen?", fragte May.

"Was für eine denn?", fragte Stevenson zurück.

"Nun", sagte May, und schmiegte ihren Kopf an Stevensons, "wir

hauen einfach ab."
 

Dann ging alles blitzschnell: May griff sich eines der

Kerosinpäckchen, das noch immer auf dem Tisch lag, und zerriss es

mit einer schnellen Bewegung. Eine Granate rollte auf den Tisch.

Noch bevor Stevenson die neue Situation begriffen hatte,

explodierte sie. Es war eine Blendgranate. May hatte die Augen

natürlich sofort geschlossen. Auch Rally hatte rechtzeitig den

Typ erkannt. Stevenson hingegen schaute direkt in die Flamme, und

war komplett geblendet. Robert hatte sich immerhin instinktiv den

Arm vor die Augen gehalten, konnte für ein paar Sekunden aber

auch nichts sehen. Als sein Augenlicht zurückkehrte hatte Rally

von irgend wo her eine Kleinkaliberpistole in ihre Hand

gezaubert, und zielte damit auf ihn.

"Was?", fragte er. "Woher..."

"Die Pistole?", fragte Rally. "Die hatte ich im Ärmel. Nächstes

mal solltet ihr mich besser durchsuchen".

Robert starrte sie fassungslos an, was Rally sichtlich genoss.

Aber er überlegte nicht lange. Er liess seine Waffe fallen, und

rannte zur Tür hinaus. Rally liess ihn machen. Sie wollte nach

wie vor den Anschein von Professionalität vermeiden.
 

Tom war die Explosion natürlich nicht entgangen. Im ersten

Augenblick war er zu erschrocken, um zu reagieren. Dann sah er,

wie ein Alarm ausgelöst wurde. Die Türe des Notausgangs neben

Stevensons Büro war geöffnet worden. Tom schaute nach aussen, und

sah, wie Robert die Feuertreppe hinuntersprang, und auf die

nächste Seitengasse zu rannte.

"So leicht kommst du mir nicht davon", schrie Tom, obwohl er

wusste, das Robert in unmöglich hören konnte.

Er schnappte sich die auf dem Tisch liegende Pistole, riss das

Fenster auf, und schoss. Zu Roberts Glück hatte Tom nicht die

Uzi, sondern nur seine Magnum erwischt. Aber auch so musste

Robert die leidvolle Erfahrung machen, das eine grosskalibrige

Kugel im Bein meist eine sehr effektive Methode ist, jemanden am

wegrennen zu hindern.
 

Vector war mittlerweile am Ort des Geschehens eingetroffen. Er

wartete etwas abseits in seinem Wagen. Einer seiner Männer

meldete sich über Funk:

"Gerade ist im Gebäude eine Blendgranate losgegangen. Kurz darauf

hat eine Person, vermutlich einer von Stevensons Männern,

versucht, zu fliehen. Aber jemand aus dem Gebäude hat ihm eine

Kugel ins Bein verpasst."

"Verstanden", sagte Vector.

"Sir, was sollen wir mit dem Angeschossenen machen?"

"Lasst ihn laufen. Es ist besser für uns, wenn er davonkommt."

"Wie sie wünschen."

Vector schaltete das Funkgerät ab. "Was zum Teufel geht da

drinnen vor sich?", fragte er sich.
 

"Ich seh ihn", sagte May, die aus dem Fenster schaute. "Er

scheint ne Kugel abgekriegt zu haben."

"Du gehst ja nett mit deinen Mitarbeitern um", sagte Rally zu

Stevenson. Sie hatte sich mittlerweile ihre Waffen und

Ersatzmagazine zurückgeholt, und zielte nun mit der CZ-75 auf

seinen Kopf. Da meldete sich Tom über das Intercom:

"Chef? Was ist passiert? Sind Sie in Ordnung?"

"Natürlich, du Idiot!", schrie Stevenson. "Mal abgesehen davon,

dass ich halb geblendet bin, und jemand mit einer 9mm auf mich

zielt, ist es mir noch nie besser gegangen! Hättet ihr die beiden

nicht besser durchsuchen können?!"

"Weg da", befahl Rally knapp.

Sie winkte mit der Waffe zur rechten, hinteren Ecke des Zimmers.

Stevenson stand auf, und ging nach hinten. Rally ging ans

Intercom, wobei sie Stevenson nicht aus den Augen liess. Sie

drückte die Sprechtaste, und fragte:

"Mr. Bodybuilder, nehme ich an?"

"Ich heisse Tom!", kam die Antwort.

"Also Tom. Deinem Boss gehts gut. In ein paar Stunden wird er

wieder sein volles Sehvermögen zurück haben. Wenn ihr

ernsthaftere Verletzungen verhindern wollt, solltet ihr besser

machen, was ich euch sage."

"Und das wäre?"

"Ich will freien Rückzug über die Feuertreppe."

Es vergingen einige Sekunden der Stille. "Mach einfach, was sie

sagen, verdammt!", rief Stevenson schliesslich. "Um das bisschen

Kerosin ists jetzt auch nicht schade."

Tom gab nach: "Also schön. Gebt mir ein paar Minuten, um die

Scharfschützen zu verständigen."

"In Ordnung", meinte Rally.
 

Tom ärgerte sich. Hatte er die beiden doch tatsächlich

unterschätzt. Aber so einfach würde er nicht aufgeben. Er bot die

Scharfschützen auf, die innert einiger Minuten verfügbar waren,

und plazierte sie in seinem Büro, sowie den angrenzenden Zimmern.

Sie sollten versuchen, Rally und May auszuschalten, ohne den Boss

zu gefährden. Zur Sicherheit plazierte er auch noch ein paar

Leute im Gang des ersten Stocks. Er war sich sicher, die Mädchen

zu schnappen. Auch wenn sie gut darin waren, Waffen zu

verstecken: Profis waren sie nicht. Dachte er.
 

May hatte mittlerweile Stevenson mittels Klebeband an dessen

Stuhl gefesselt. Dabei hatte sie besonders darauf geachtet, dass

es nicht so einfach sein würde, ihn wieder zu befreien. Rally

hatte ihre Waffe und die Munition geprüft. Bisher hatte sie nur

einen einzigen Schuss abgefeuert. Das sollte genug Reserve

lassen, um hier auszubrechen.

"So. Schätze wir haben alles", sagte sie.

Ihr Blick wanderte über den Tisch.

"Ah, Moment. Das hatte ich ja fast vergessen."

Sie nahm die drei verbliebenen Kerosinpäckchen, und verstaute sie

in Innentaschen ihrer Jacke.

"Pah. Alles in allem seit ihr doch nur Diebe", brummte Stevenson.

"Glauben Sie etwa, es hat Spass gemacht hier einzubrechen?",

verteidigte sich Rally. "Ausserdem ist das Zeug hier sowieso

nicht viel Wert."

"Soll das vielleicht eine Rechtfertigung sein?"

"Entschuldige", sagte May betont freundlich, "aber könntest du

mal deinen Mund halten?"

"Und wieso?", fragte Stevenson missmutig.

May riss ein Stück vom Klebeband von der Rolle.

"Weil ich dir sonst den Mund nicht richtig zukleben kann. Und

wenn ich den Knebel wieder abreissen muss, tuts weh."

Stevenson murmelte etwas unverständliches, und ergab sich in sein

Schicksal. Der Lautsprecher der Gegensprechanlage knackste.

"Hallo?", fragte Tom.

Rally ging zum Gerät hinüber.

"Wir hören", sagte sie. "Ist der Ausgang frei?"

"Erst will ich wissen, wies dem Boss geht."

"Keine Sorge. Er hat keinen Kratzer. Wir haben ihn an den Stuhl

gefesselt."

"Also gut. Ihr könnt jetzt raus. Nehmt das Fenster."

"Danke!"

Rally schaltete das Gerät ab.

"Willst du wirklich die Feuertreppe runter?", fragte May.

"Schliesslich weiss er, dass du dort raus willst. Der hat doch

noch mehr Leute aufgestellt."

"Natürlich hat er das. Darum nehmen wir ja auch den

Haupteingang."

"Den was!?"

"Komm her."

Rally ging zur Bürotür. Sie horchte. Ein leises Gemurmel war zu

hören.

"Okay", sagte sie leise. "Ich hoffte eigentlich, dass er alle

Leute zur Bewachung der Feuertreppe einsetzt. Aber da scheinen

noch ein paar auf dem Gang zu sein. Bist du bereit?"

"Musst du fragen?", sagte May, und machte eine Granate bereit.
 

May drückte sich rechts neben der Tür gegen die Wand. Rally trat

die Tür auf. Auf dem Gang standen drei reichlich überraschte

Männer. Jeder mit einer Pistole in der Hand. Rally schoss dem in

der Mitte in die Schulter. Die anderen beiden reagierten schnell.

Sie zogen sich nach rechts zurück, wobei sie ein paar Schüsse in

Rallys Richtung abgaben. Die hatte sich aber bereits links neben

der Tür gegen die Wand gedrückt. Der einzige, der ernsthaft durch

die Schüsse gefährdet wurde, war Stevenson, welcher sich eine

mentale Notiz auf der Liste "zu entlassen" machte. Als die

Schiesserei aufhörte, wagte Rally einen kurzen Blick. Sie konnte

erkennen, das die Männer ins Treppenhaus flohen.

"Das Treppenhaus", flüsterte sie.

May nickte. Rally zählte mit den Fingern: Drei... zwei... eins...

Dann sprang sie nach draussen, und feuerte wild zum Treppenhaus

hinüber. May nutzte die so gewonnene Feuerdeckung, um die Granate

zu entsichern, und zu werfen. Sie rollte genau ins Ziel. Sofort

hörte Rally auf zu schiessen, und rannte nach links den Gang

hinunter. May folgte ihr. Etwa auf halbem Weg zur Biegung konnten

Sie die Explosion hören. Daraufhin folgten rasche Schritte.

Mindestens einer der Männer war offensichtlich rechtzeitig

irgendwo in Deckung gegangen. "Halt!", konnte Rally jemanden

rufen hören. Aber sie hatte die Biegung fast erreicht, und dachte

nicht daran, anzuhalten. Ein Schuss fiel. Die Kugel traf Rallys

Rücken wie ein Hammerschlag. Sie stolperte, und wäre beinahe

hingefallen. Doch dann erreichte sie die Biegung, und rannte um

die Ecke. May folgte ihr gleich darauf.

"Die Kugel?", fragte Rally, während sie das fast leere Magazin

aus der Pistole zog, und es in einer Jackentasche verstaute.

"Ist in der Weste hängengeblieben", beruhigte sie May.

Rally atmete auf, und setzte ein frisches Magazin ein. Dem Schlag

nach zu urteilen war das ein ziemlich grosses Kaliber. Gut

möglich, das ein einzelner Schuss durch die Weste käme.

Vorsichtig schaute sie für einen kurzen Augenblick um die Ecke.

Zu ihrem Ärger sah sie, das beide Männer es geschafft hatten, der

Explosion zu entkommen. Einer kam langsam auf sie zu. Der andere

lief von Rally weg den Gang hinunter.

"Schnell!", rief Rally May zu.

Dann rannte sie weiter den Gang entlang zur anderen Seite des

Gebäudes. Ihr Ziel war das blockierte Treppenhaus, welches sie

und May bereits vorhin benutzt hatten. Es würde eine gute Deckung

bieten. Doch kurz bevor sie es erreichte, sah sie ihren Gegner um

die Ecke biegen. Beide bremsten scharf, und feuerten aufeinander.

Rally war einen Sekundenbruchteil schneller. Ihre Kugel traf den

Lauf seiner Waffe, und lenkte seinen Schuss nach rechts ab. Seine

Kugel flog an Rally vorbei, verfehlte May um ein Haar, und schlug

schliesslich harmlos in der Wand ein. Rally setzte sofort zwei

weitere Schüsse nach, diesmal in den Oberarm und den Oberschenkel

des Mannes. Der fluchte, und liess seine Waffe fallen. Rally trat

die Holzplatte ein, die die Treppe verstellte. Um

Geräuschentwicklung brauchte sie sich diesmal schliesslich keine

Sorgen zu machen. Sie griff May, die mittlerweile aufgeschlossen

hatte, am Arm, und zog sie ins Treppenhaus. Dann nahm sie die

Pistole in Anschlag, und zielte dem Gang entlang zurück zur Ecke,

um die sie gerade gekommen waren. Kurz darauf erschien der

Schütze, der in ihre Richtung gegangen war. Auch er erhielt je

eine Kugel in Oberarm und Oberschenkel.
 

Der Mann, der im Haupteingang stand, war cool. Völlig cool. Er

war so cool, dass er sogar nachts eine Sonnenbrille trug. Seine

Remington PumpAction, und der beeindruckende Patronengürtel,

würden jeden Menschen mit Verstand davon abhalten, all zu nah an

das Haus heran zu kommen. Aber im Augenblick hatte er eine andere

Aufgabe. Er musste zwei Frauen daran hindern, das Haus zu

verlassen, sollten sie es durch den Haupteingang versuchen. Die

Schiesserei im ersten Stock, die er hören konnte, verriet ihm,

das sie es wahrscheinlich versuchen würden. Aber das war kein

Problem. Schliesslich war er ja cool. Und er hatte sein

Schrotgewehr durchgeladen und im Anschlag. Und bei der

Streuwirkung seiner Munition würde es auch nichts ausmachen, das

obgenanntes Gewehr gewaltig zitterte.
 

Als er die Schritte auf der Treppe hörte, wusste er, das seine

Stunde gekommen war. Er tastete nach dem Abzug. Die Schritte

verklangen genau hinter der Holzplatte, welche das Treppenhaus

verstellte. Es folgte ein nervenzermürbender Moment der Stille.

Dann flog ihm die Platte entgegen. Er drückte ab. Die Salve traf

die sich noch in der Luft befindliche Platte, und schleuderte sie

zurück. Die Wache führte eine Ladebewegung durch, und feuerte

nochmals. Und nochmals, und nochmals. So wie er es unzählige Male

im Schiessstand geübt hatte. Er feuerte weiter, bis ihm ein

leises Klicken sagte, das sein Magazin leer war. Er atmete tief

durch. Niemand konnte das überlebt haben. Noch nicht einmal mit

einer kugelsicheren Weste. Irgend etwas berührte seinen Fuss. Er

sah nach unten. Es war eine Granate.
 

Zu seinem Glück war es lediglich eine Rauchgranate, die May da

gerade geworfen hatte. Rally hatte damit gerechnet, das in der

Tür ein schiesswütiger Kerl stand. Darum war sie sofort wieder in

Deckung gegangen, nachdem sie die Platte eingetreten hatte. May

hatte daraufhin den Rest besorgt. Als sich der kleine

Eingangsraum mit rosa Rauch füllte (Mays Markenzeichen), und die

Wache damit ihrer Sicht beraubte, stürmten die beiden nach

draussen. Jetzt mussten sie nur noch einen Block lang geradeaus

laufen, und dann nach links abbiegen, dann wären sie bei Mays

Wagen. Doch so weit kamen sie nicht. Sie hatten sich erst wenige

Meter vom Haus entfernt, als jemand "Halt!" rief. Rally blieb

augenblicklich stehen. Sie sah nach hinten, und erblickte Tom.

Langsam drehte sie sich um. Tom hatte sich neben den Eingang

gestellt. Er hielt seine Uzi auf die übliche Art und Weise. Rally

würde keine Mühe mit ihm haben.

"Wirklich gut, Mädels", sagte Tom. "Soviel Chuzpe hätte ich euch

nicht zugetraut. Einfach durch den Haupteingang abzuhauen. Dumm

nur, dass ich daran gedacht habe. Dumm auch", fügte er grinsend

hinzu, "dass ihr den Boss oben gelassen habt."

"Geiselnahme ist nicht unser Stil", erwiderte Rally

unbeeindruckt.

"Euer Pech. Jetzt wirf mir die Waffe rüber."

Rally sah ihn einen Augenblick lang mit gespielter Verärgerung

an. Dann warf sie ihm wortlos ihre CZ zu. Als Tom sie auffing,

nutzte sie die Gelegenheit, und rannte auf ihn zu. Tom liess

Rallys Pistole fallen, und nahm die Uzi in einen korrekten

Anschlag. Ein scharfer Knall erklang. Die Uzi wurde aus den

Händen des verdutzten Tom gerissen. Geistesgegenwärtig wollte er

noch eine andere Waffe ziehen. Doch da war Rally bereits bei ihm,

und versetzte ihm einen genau gezielten Schlag in den

Solarplexus. Stöhnend brach er zusammen.

"Bist du in Ordnung?!", rief May.

"Alles klar", sagte Rally, obwohl ihre Hand höllisch schmerzte.

Vermutlich war sie angestaucht.

Rally hob die CZ auf, und schaute zu Toms Uzi hinüber. Jemand

hatte den Verschluss durchschossen, und die Waffe so unbrauchbar

gemacht. Als sich Rally umsah, konnte sie auch die Hülse

entdecken. Der Schütze musste in der Nähe sein. Und ein Gewehr

benutzen, das die Hülsen noch vorne auswarf. Kurzentschlossen hob

sie auch die Hülse auf, und verstaute sie in einer Tasche. Dann

rannten Sie und May weiter die Strasse runter.
 

"Sie kommen", meldete sich Vectors Funkgerät.

"Verstanden. Danke", meldete dieser zurück.
 

Als Rally und May um die Ecke bogen, war dort keine Spur von Mays

Wagen. Statt dessen stand dort eine schwarze Limousine. Neben der

Limousine stand ein Mann in einem Geschäftsanzug, der mit einem

Revolver auf sie zielte. Neben dem Mann stand Vector. Und der sah

nicht besonders zufrieden aus.

"Scheisse!", rief Rally, denn das war genau das, worin sie jetzt

steckte.

"Nicht so vulgär, wenn ich bitten darf", meinte Vector. "Und

stecken sie bitte ihre Waffe weg. Das wäre der Atmosphäre mit

Sicherheit förderlich. Und sie, Miss Hopkins, lassen ihre

Granaten, wo sie sind."

Rally seufzte, und steckte die CZ zurück ins Halfter.

"Schön, das sie so einsichtig sind", sagte Vector.

Er ging hinter dem Mann mit der Waffe hindurch, und öffnete die

hintere, rechte Tür des Wagens.

"Nehmen Sie bitte auf der linken Seite Platz."

Rally ging zum Wagen. Die Tür führte zu einem separierten Abteil

mit einer Sitzbank hinten, und zwei Stühlen vorne. Die Stühle

waren so eingebaut, dass sie nach hinten zeigten. Auf diese Weise

konnten während der Fahrt kleine Konferenzen gehalten werden.

Rally setzte sich auf die Sitzbank, gefolgt von May, welche sich

neben sie setzte. Dann folgte der Schütze, und setzte sich auf

den Stuhl gegenüber von Rally. Jetzt konnte Rally noch einen

weiteren Vorteil dieser Konstruktion erkennen: Der Schütze hatte

sie beide im Visier, ohne den Fahrer zu gefährden. Als letzter

folgte schliesslich Vector, der sich auf den verbliebenen Stuhl

setzte. Er schloss die Tür. Dann streckte er die Hand aus.

"Dürfte ich um den Auslöser bitten?", fragte er.

"Oh nein", dachte Rally. "Das wars dann."

May schaute unsicher zu Rally hinüber.

"Rück in raus", sagte diese konsterniert.

"Du hast ihn", sagte May. "Es ist das Päckchen mit dem Kreuz drauf."

Rally griff in die Tasche, und holte besagtes Päckchen hervor.

Sie gab es Vector. Der öffnete das Päckchen äusserst vorsichtig.

Doch es war tatsächlich nur der Auslöser drinn.

"Sie werden es nicht verhindern können", sagte Rally.

"Was meinen Sie?", fragte Vector.

"Die Explosion. Auch wenn Sie den Auslöser besitzen, werden Sie

die Explosion nicht verhindern können. Die Bombe ist nicht zu

entschärfen."

"Lassen Sie das meine Sorge sein."

Vector verstaute den Auslöser in seiner Jacke. Dann nahm er

wieder das Funkgerät zur Hand:

"Bei mir ist alles klar. Schickt das Einsatzteam los, und zieht

die Beobachter ab."

"Verstanden", krächzte es aus dem Lautsprecher.

"Fahren Sie", befahl Vector dem Fahrer.

Langsam fuhr der Wagen an.
 

Der Fahrer fuhr nur ein paar Blocks weit, bevor er denn Wagen

wieder anhielt.

"Wir sind von einem schwarzen Motorrad verfolgt worden", sagte

er.

"Ein schwarzes Motorrad?", wunderte sich Vector. "Das muss wohl

Dantes sein. Der Typ traut mir wirklich nicht."

"Warum sollte er? Würde ich auch nicht", bemerkte Rally.

"Nana. Das müssen ausgerechnet Sie sagen. Wir hatten doch eine

eindeutige Abmachung, oder etwa nicht? Mal ganz abgesehen davon

war ihr kleines Kunststück vorhin nicht besonders professionell."

"Hoffentlich nicht. Sonst kriegt Stevenson am Ende noch Angst,

und haut ab."

"Sie meinen, sie haben sich absichtlich dilettantisch verhalten,

damit Stevenson sich nicht weiter in Gefahr glaubt?"

"Exakt."

"So schnell kommt er ohnehin nicht weg", meinte May. "Er ist

derzeit... gebunden."

"Gebunden?", fragte Vector.

"Jepp", bestätigte May grinsend. "Und zwar mit Klebeband an einen

Stuhl. Die brauchen allermindestens eine Viertelstunde, um ihn da

raus zu kriegen."

Vector zog die Augenbrauen hoch.

"So ist das also... Aber egal. Die Jungs sind jetzt unterwegs.

Sie müssten jeden Moment hier sein. Wenn alles glatt läuft, will

ich mal nicht so sein, und euch zwei laufen lassen. Ihr könnte

wirklich von Glück reden. Ich bin nicht immer so grosszügig."

Rally hatte eine Erwiderung auf der Zunge, liess es dann aber

sein. Wenn sie tatsächlich die Chance hatten, hier nochmals mit

heiler Haut davon zu kommen, dann würde sie diese Chance nicht

leichtfertig verspielen.
 

Es vergingen noch etwa zwei Minuten, bis etwas passierte. Dann

fuhr in der Nähe ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit vorbei.

"Da sind sie ja", bemerkte Vector.

Ein zweiter Wagen folgte kurz darauf. Beim dritten Wagen erkannte

Rally den Typ.

"Aber... das sind ja Polizeiwagen", sagte sie.

"Das ist ja auch die Polizei", meinte Vector.

Und während sich Rally noch fragte, was Vector damit meinte,

hatte dieser bereits den Auslöser wieder aus der Jackentasche

geholt, und auf den Knopf gedrückt. Etwa zehn Sekunden später war

ein dumpfer Knall hörbar. Der Fahrer hatte mittlerweile den

Polizeifunk eingeschaltet. Sie hörten einen Offizier über ein

Feuer im Keller berichten. Ein anderer regte sich über die

Vernichtung von Beweismaterial auf. Irgendwann dazwischen kam

auch die Meldung von der erfolgreichen Festnahme Stevensons

durch.

"Das reicht, danke", sagte Vector nach einer Weile.

Der Fahrer schaltete den Polizeifunk wieder ab.

Rally war baff. Und das sah man ihr auch an. Schliesslich

schaffte sie es, ein einzelnes Wort zu artikulieren:

"Warum?"

"Warum ich die Bombe gezündet habe?", fragte Vector.

Rally nickte. "Ich dachte, sie wollten die Drogen stehlen."

"Ja, das war ursprünglich meine Absicht. Aber grundsätzlich ging

es mir nicht darum, in den Besitz der Drogen zu kommen, sondern

den Marktpreis zu erhöhen. Das war nämlich auch Teil des

Auftrags. Um das zu erreichen, ist es besser, die Drogen zu

vernichten, als sie zu stehlen. Als ich also gehört habe, dass

sie eine Bombe rein schmuggeln wollen, habe ich sie einfach

machen lassen."

Rally griff sich an die Stirn.

"Ich... Idiot. Ich habe Ihnen voll in die Hände gespielt!"

"Allerdings."

"Aber woher wussten Sie die Sache mit der Bombe?"

"An ihrer Stelle", antwortete Vector, "würde ich mal ihr Haus

untersuchen."

Rally dämmerte etwas: "Sie haben mich verwanzt?!"

"Na, was glauben Sie denn?", fragte Vector, als ob es das

natürlichste der Welt wäre.

Rally fühlte ihren Blutdruck ansteigen. Mal wieder. Es wurde

allmählich zum vertrauten Gefühl, wenn Vector in der Nähe war.

"Lassen sie mich bitte hier raus", sagte sie gepresst.

"Sie können jederzeit gehen."

Rally öffnete die Tür, und stieg aus. Als sie die Tür schliessen

wollte, fiel Vector noch etwas ein:

"Ach, Miss Vincent! Ich vergass noch zu erwähnen, dass ich ihnen

10'000 Dollar auf ihr Konto überweisen werde. Für die Mühe."

"Was?", fragte Rally.

Der Mann, der die ganze Zeit den Revolver in der Hand gehalten

hatte, zog die Tür von Innen zu. Dann fuhr der Wagen los. Rally

schaute May an, die auf der anderen Seite ausgestiegen war.

"Ich werd nicht schlau aus dem Typen", sagte Rally.

"Ich auch nicht", meinte May.

Zwei Scheinwerfer wurden eingeschaltet. Sie gehörten zu einem

Motorrad, welches ein paar Meter weiter in der Richtung stand,

aus der sie mit Vectors Wagen gekommen waren. Vermutlich jenes,

welches der Fahrer erwähnt hatte. Das Motorrad machte eine

scharfe Wendung, und verschwand in der Dunkelheit.

"Soll ich fahren?", fragte May.

Rally drehte sich verwundert um. Dann sah sie Mays Fiat. Vectors

Männer hatten ihn offensichtlich hier abgestellt.

"Oh, ja. Danke", sagte sie.

Sie stiegen ein, und May fuhr los. Rally rief Ken auf das

Autotelefon an.

"Hallo Ken... Ja, sie ist bereits hochgegangen... Sie haben

bereits heute Abend zugeschlagen... Nein, keine Probleme... Wir

sehen uns bei mir zuhause... Bis dann."

Danach lehnte sich May im Autositz zurück. Die Sache, so dachte sie,

würde noch ein Nachspiel haben. Sie ahnte nicht, dass es gerade erst

begonnen hatte.

Wer ist Donald Tanner?

Rally sass in ihrem Cobra, und fluchte innerlich. Da sass sie nun:

Eine der bekanntesten Prämienjägerinnen, und eine hervorragende

Fahrerin. Kein Auftrag zu gefährlich, kein Gegner zu schnell. Alles,

was sie tun sollte, war, zum Polizeipräsidium zu fahren. Und jetzt

drohte dieser simple Auftrag daran zu scheitern, dass sie keinen

Parkplatz fand. Aber das war nicht der wirkliche Grund für ihre

schlechte Stimmung.
 

Es war nun einige Wochen her seit ihrer Auseinandersetzung mit

Stevenson. In der Folge hatte es einen unglaublichen Wirbel gegeben.

Die Zeitungen berichteten auf den Frontseiten davon. Mittlerweile

waren die Berichte auf die 'letzte Seite' gewandert, aber das Thema

war immer noch präsent. Die Tatsache, dass die Polizei sich

hartnäckig weigerte, den Fall für abgeschlossen zu erklären, war mit

ein Grund dafür. Genau das machte Rally Sorgen. Bisher wusste die

Polizei nicht um ihre Rolle in der ganzen Geschichte. Aber wenn es

herauskommen sollte, wartete eine Staffel von Anklagen auf Rally, an

die sie lieber noch nicht einmal denken wollte. Ihre Waffenlizenzen

und den Laden könnte sie wohl vergessen. Womit sie dann ihren

Lebensunterhalt verdienen sollte, war ihr selbst nicht klar.

Verständlicherweise war sie nicht gerade davon erbaut, dass Roy sie

aufs Präsidium bat.
 

Nach einer langen Irrfahrt hatte sie endlich einen Abstellplatz

gefunden. Von hier aus hatte sie zwar knapp eine Viertelstunde zu

gehen, aber was besseres würde sie so schnell nicht finden. Während

sie die Strasse hinunter ging, überlegte sie sich, was die Polizei

gegen Sie in der Hand haben könnte. Sie und May waren vorsichtig

genug gewesen, möglichst keine Spuren wie Fingerabdrücke zu

hinterlassen. Damit blieben eigentlich nur Zeugenaussagen als

belastendes Material. Da sie verkleidet war, eine Spezialperücke

trug, und sogar die Haut überpudert hatte, glaubte sie nicht, das

jemand von Stevensons Leuten sie hätte erkennen können. Blieben noch

Cogan und Vector. Da Cogan von Rally geschnappt und abgeliefert

wurde, war er als Belastungszeuge unglaubwürdig. Schwieriger wäre da

schon Vector. Aber warum sollte er das tun?

Rally seufzte, und schüttelte den Kopf. "Hat keinen Sinn, im Trüben

zu fischen", sagte sie sich.
 

Im Präsidium herrschte die übliche Geschäftigkeit. Auch sonst schien

nichts besonders. Dieselben Leute wie üblich arbeiteten, dieselben

Leute wie üblich lungerten herum, und dieselben Männer wie üblich

versuchten, Rally anzumachen. Normalerweise gingen ihr letztere eher

auf die Nerven. Diesmal war sie fast froh darüber, denn es war ihr

ein Indiz, dass noch niemand auf ihrer Spur war. Oder zumindest war

es noch nicht allgemein bekannt. Rally bahnte sich den Weg zu Roys

Büro, als ihr Kate, seine Assistentin, mit einer Akte unter dem Arm

entgegenkam.

"Hallo Rally!", rief sie.

"Oh, Hallo Kate. Wie gehts?", antwortete Rally.

"Ganz gut, danke. Nur etwas überarbeitet. Der ganze Stevenson-Fall

hat ne Menge Arbeit verursacht. Aber jetzt ist der grosse Haufen

durch. Und Stevenson wurde heute früh abgeurteilt."

"Habs gelesen. Ging ganz schön schnell, was? Was hat er den gekriegt?"

"Lebenslänglich."

"Oha."

Rally war erstaunt. Sie wusste zwar, das Stevenson ein Anfänger war,

aber sie dachte doch, dass er sich zumindest einen guten Anwalt

leisten könnte.

"Ist schon seltsam, was?", fragte Kate.

"Was meinst du?", fragte Rally zurück.

"Naja, dass alles so schnell ging, dass es so viele Beweise gegen ihn

gab, dass der Staatsanwalt so viele Zeugen fand, dann der öffentliche

Druck auf den Prozess... Irgendwie schien sich alles gegen Stevenson

verschworen zu haben. Ausserdem wäre da noch die Sache mit dem

Computer: Als wir den Tipp mit dem Drogenlabor erhielten, waren in

unserem System jede Menge Informationen über Stevenson gespeichert,

von denen die zuständigen Ermittler schworen, sie hätten sie noch nie

gesehen. Und schau mal hier:"

Kate öffnete die Akte, und suchte ein einzelnes Stück Papier heraus,

welches sie Rally zeigte. Es war ein Bericht der Spurensicherung.

Daraus ging hervor, dass eine Bombe Stevensons Drogenvorräte zunichte

gemacht hatte. Auch Typ und die vermutete Funktionsweise waren

haarklein verzeichnet.

"Ja", sagte Rally, "das habe ich auch in der Zeitung gelesen. Aber

was ist daran besonders? Ich dachte, es sei durchaus üblich, die

Vorräte zu vernichten, bevor sie der Polizei in die Hände fallen."

"Schon", meinte Kate. "Aber schau dir mal den Typ an. Das war eine

Aerosolbombe. Die 'Atombombe des kleinen Mannes'. Für einen solchen

Zweck ist die, milde gesagt, etwas unüblich."

"Hmmm... Und was schliesst Miss Marple daraus?"

"Keine Ahnung. Ich für meinen Teil vermute, das es ein Konkurrent

war, der ihn aus dem Weg haben wollte. Falls ich richtig liege, war

das alles sehr sauber geplant und durchgeführt."

"Mm-hm"

Rally studierte weiterhin den Bericht. Zu ihrer Erleichterung fand

sie darin nichts, was auf sie hin deutete.

"Ach Rally?", fragte Kate ernst.

"Ja?"

"Die Akte habe ich dir nie gezeigt."

Rally grinste, und gab Kate das Papier zurück.

"Welche Akte?", fragte sie.

Kate grinste zurück. Sie nahm das Papier, und legte es in die Akte

zurück.

"Vorläufig bleibt die noch unter Verschluss", erklärte sie. "Die

Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen."

"Ich weiss", sagte Rally. "Naja, ich muss zu Roy. Bis später."

Sie ging zur Tür von Roys Büro, und wollte sie gerade öffnen, als

Kate noch etwas einfiel:

"Du, warte Rally. Ich glaube, Roy hat Besuch."

"Ach? Wer denn?", wollte Rally fragen. Doch die Frage klärte sich von

selbst, als unmittelbar vor ihr die Tür aufschwang.
 

Der Mann, der in der Tür stand, machte einen etwas seltsamen

Eindruck. Er war jung. Höchstens ein paar Jahre älter als Rally. Er

trug schwarze Jeans, und eine offene, schwarze Lederjacke. Darunter

war ein weisses T-Shirt zu sehen. Alles in allem sah er eigentlich

wie ein junger Motorradfreak aus, aber irgendwie passte etwas nicht

ins Bild.

"Entschuldigung", sagte er, und machte einen Schritt zur Seite.

Langsam ging er zum Ausgang. Rally sah ihm nach.

"Oh Rally, komm doch rein!", rief Roy.

Rally betrat das Büro, und schloss die Tür.

"Hallo Roy", sagte sie. "Wer war das denn?"

"Der? Ist ein komischer Typ, nicht war? Sein Name ist Tanner. Er ist

ein Kollege von dir."

"Ein Büchsenmacher?"

"Ein Prämienjäger."

"Ein Prämienjäger? Im Ernst? Den Beruf hätt ich jetzt als letztes

vermutet."

"Ich glaube, da geht es den meisten Leuten bei dir nicht anders. Aber

kommen wir zum Thema. Setz dich doch."

Rally setzte sich auf den Stuhl vor Roys Pult.

"Also? Worum gehts?", fragte sie.

"Eine heikle Sache Rally. Es geht um den Fall Stevenson."

"Aha?", sagte Rally scheinbar unbefangen, doch in Wirklichkeit schoss

ihr Puls gerade raketenartig in die Höhe.

"Genauer gesagt geht es um Stevensons Leibwächter Thomas Martin.

Kennst du ihn?"

Rally zuckte mit den Schultern. "Ich glaube nicht, nein. Wieso?"

"Naja. Eigentlich sollte er ja nächste Woche ebenfalls abgeurteilt

werden. Dummerweise ist er abgehauen."

"Ach so. Ein Fall für Prämienjäger also?"

"Darum hab ich dich nicht herkommen lassen", erklärte Roy. "Es geht

um das hier." Er schob Rally einen Zettel zu. "Das hat er

zurückgelassen."

Rally nahm den Zettel, und las: "An Rally Vincent: Du bist tot! Tom."

Sie gab den Zettel an Roy zurück. "Kapier ich nicht."

Rally war tatsächlich verwundert. Natürlich kannte sie Tom. Immerhin

hatte sie sich beim Zweikampf mit ihm die Hand übel angestaucht. Was

sie nicht verstand, war, woher Tom sie kannte, denn zu jenem

Zeitpunkt war sie verkleidet gewesen.

"Nun... Ich bin mir nicht absolut sicher, aber ich glaube, dass dein

letzter 'Kunde' dahintersteckt."

"Cogan meinst du?"

"Genau der. Unmittelbar bevor Tom verschwand, hatte er Besuch von

Cogan bekommen. Was sie genau besprochen haben, ist nicht bekannt,

aber es ist schon ein verdächtiger Zufall."

Rally atmete hörbar aus. Sie wusste nicht, was ärgerlicher war: Das

Tom hinter ihr her war, oder das sie sich unnötig Sorgen wegen der

Polizei gemacht hatte.

"Alles klar", sagte sie schliesslich. Dann stutzte sie. "Moment.

Nichts ist klar. Wieso konnte Cogan... Wieso konnte er diesen Martin

besuchen? Er sollte doch noch in U-Haft schmoren."

"Er ist freigekommen", sagte Roy. "Wusstest du das nicht?"

"Wie bitte?!"

"Man hat ihm Straffreiheit geboten, wenn er als Kronzeuge aussagt. Er

hat angenommen."

"Wie grosszügig", brummte Rally.

Sie hatte seit jeher etwas Mühe mit der Kronzeugenregelung, auch wenn

ihr der Sinn natürlich klar war.

"Ach egal", meinte sie nach einer Weile. "Martin ist doch ein Fall

für Prämienjäger, oder? Ich schnapp ihn mir halt, so wie jeden

anderen Häftling auch."

"Du kannst ja bei seinem Anwalt vorsprechen", sagte Roy. "Aber ich

fürchte, da kommst du zu spät."
 

Eine Stunde später war Rally wieder im Laden. May stand hinter dem

Tresen.

"Hallo Rally", sagte sie. "Was soll den dieser düstere Blick? Ist dir

Roy etwa auf die Schliche gekommen?"

"Mal den Teufel nicht an die Wand", erwiderte Rally fast erschrocken.

"Dann ist ja gut. Allerdings hab ich noch eine gefunden."

May nahm etwas kleines vom Tresen auf, und warf es Rally zu. Sie fing

es auf. Es war eine 'Wanze'. Eine sehr kleine. Derjenige, der sie

gebaut hatte, war wohl recht geschickt darin. Rally kannte den Typ

mittlerweile. Nach dem Fall Stevenson hatten sie und May jede Menge

davon gefunden. Sie gehörten vermutlich Vector. Rally drehte die

Wanze zwischen den Fingern hin und her.

"Oh Mann", sagte sie. "Die wievielte ist das eigentlich?"

May überlegte kurz. "Naja, das wären mit dieser hier fünf im Laden.

Dazu kommen die fünf im Haus, die..."

"Schon gut, schon gut. So genau wollte ich es gar nicht wissen."

"Mann, du bist mir vielleicht ne Stimmungskanone. Was ist los, hm?

Raus mit der Sprache!"

Rally seufzte. "Tom ist abgehauen."

"Tom? Stevensons Muskelmann?"

"Jepp."

"Hm. Na und?"

"Es ist ein Fall für Prämienjäger, aber..."

"Ist dir die Belohnung zu klein, oder was?"

"Das ist es ja gerade. Die Belohnung ist recht hoch für einen Typen

seines Kalibers. Aber so ein Trottel namens Tanner hat ihn mir

weggeschnappt."

"Ach so", sagte May, und schaute betont desinteressiert in eine Ecke

des Verkaufslokals.

Es vergingen einige Sekunden der Stille.

"Weisst du, dass du Becky immer ähnlicher wirst?", fragte May, ohne

Rally anzusehen.

"Halt den Mund", brummte Rally. "Darum gehts doch gar nicht."

Wieder war es für einige Sekunden still.

"Kennst du diesen Tanner?", fragte May, wiederum ohne den Kopf zu

drehen.

"Kennen ist zuviel gesagt. Ich bin vorhin auf dem Präsidium fast mit

ihm zusammengestossen."

"Ach was", sagte May, und begann zu grinsen.

"Ja. Ist ein komischer Kerl. Sieht aus wie... wie ein Motorradfreak,

der zu lebenslangem Mopedfahren verurteilt wurde. Hoffentlich löst er

seine Fälle etwas schneller, als er durch die Gegend marschiert."

May dreht sich wieder nach Rally um. Sie grinste immer noch. Und zwar

auf eine Art und Weise, die Rally gar nicht gefiel.

"Er ist also mit dir zusammengestossen", sagte May. "War er hübsch?"

"Was!?"

"Oh du hast mich schon verstanden."

"Lass den Unsinn, May. Ich bin nur fast mit ihm zusammengestossen.

Und ganz sicher nicht absichtlich."

"Wirklich?"

"Wirklich!"

"Och, das ist aber schade. Weisst du, wenn du dich Männern gegenüber

weiterhin so verschliesst, wirst du nie..."

"Das reicht May! Ich habe..."

Rally wurde vom Geräusch eines parkierenden Autos unterbrochen. Sie

schaute nach draussen. Es war ein blauer Corsa. Der Fahrer stieg

gerade aus.

"Na toll", brummte Rally.

"Was ist?", fragte May.

"Das ist er."

"Wer? Der Kopfgeldjäger, der dir den Fall weggeschnappt hat?"

Rally nickte nur.

"Dann solltest du nicht so verbiestert in die Gegend gucken, Rally.

Du solltest lächeln. Sonst wird er sich nie für dich interessieren."

Der Blick, den Rally May zuwarf, hätte einen Leoparden in die Flucht

geschlagen. May hingegen liess sich davon nicht beeindrucken.
 

Tanner kam herein. In weniger als einer Sekunde hatte Rally ihr

'Verkäufergesicht' aufgesetzt, und sagte: "Guten Tag, mein Herr."

May war davon so überrascht, das ein kurzes "Ga" alles war, was sie

herausbrachte.

Tanner sah zu Rally herüber. "Guten Tag. Miss Vincent nehme ich an?",

fragte er, ohne das geringste Anzeichen von Erstaunen.

"Ja, das bin ich."

"Ah. Mein Name ist Donald Tanner. Ich bin Prämienjäger." Tanner

zeigte seine Lizenz. "Ich bin hinter einem Mann namens Thomas Martin

her."

"Ich weiss. Die Polizei hat mich bereits informiert."

"Sehr gut. Da Martin hinter Ihnen her zu sein scheint, dachte ich, es

sei eine gute Idee, sich hier mal umzusehen. Und als ich hörte, das

sie eine Büchsenmacherin seien, wollte ich ohnehin mal

vorbeischauen."

"Ich bitte Sie, die privaten Räume nicht zu betreten. Aber sie können

sich im Verkaufsraum umschauen, so lange sie möchten. Für Fragen..."

Rally schaute sich um, und entdeckte May bei der Tür zum Nebenraum.

"Ich überlasse das dir", sagte May. "Ich muss noch die Bücher prüfen,

und bis jetzt bin ich noch nicht dazugekommen." Das war natürlich

eine blanke Lüge.

"Für Fragen können Sie sich an mich wenden", vervollständigte Rally.

"Herzloses Biest!" dachte sie, als May die Tür schloss. "Ich wette,

du beobachtest uns mit der Überwachungskamera".

Wenn das ganze irgendeinen Eindruck auf Tanner machte, so liess er es

sich nicht anmerken. Er nickte nur kurz, und begann, die Auslage zu

begutachten.

Nach einer Weile fragte Rally: "Entschuldigen Sie. Sie sagten, Sie

wollten hier ohnehin vorbeischauen, als Sie hörten, das ich

Büchsenmacherin bin. Darf ich fragen, warum?"

"Selbstverständlich", sagte Tanner, der gerade vor einem Schaukasten

mit Pistolen kniete. Er stand auf, so dass er Rally sehen konnte.

"Wissen Sie, ich bin erst vor ein paar Wochen angekommen. Daher bin

ich auf der Suche nach einem guten Waffenladen. Und dieser hier ist

für mich besonders interessant."

"Aha?"

"Nun ja, soweit ich weiss sind Sie doch ebenfalls Prämienjägerin.

Somit sollten Sie über einige Kenntnisse über das Verhalten von

Waffen unter Kampfbedingungen verfügen."

"Ah ja. Das stimmt schon."

Das war eher überraschend für Rally. Die meisten ihrer Kunden

kümmerte es nicht, was sie sonst noch tat. Der Grossteil wusste es

noch nicht einmal.

Tanner holte sie wieder aus Ihren Gedanken: "Da fällt mir ein: Sie

sind doch sauer auf mich, weil ich Ihnen den Fall weggeschnappt habe,

nicht wahr?"

"Öh... Nun..." Rally fühlte sich ertappt.

"Ich habe persönliche Gründe, diesen Auftrag anzunehmen. Bitte haben

Sie Verständnis dafür."

"Ja, natürlich", sagte Rally, obwohl sie sich fragte, was denn das

für persönliche Gründe sein könnten. "Ich werde Ihnen nicht in die

Quere kommen. Aber wenn ich angegriffen werde, werde ich mich

verteidigen."

"Selbstverständlich." Tanner kniete wieder vor die Pistolen. Eine

schien es im besonders angetan zu haben.

"Sagen Sie", fragte er, "ist dieser 'Peacemaker' hier echt?"

"Ja. Ein echtes Western-Original. Ein schönes Stück, nicht wahr?"

"Ein schönes Stück. Ja, allerdings. Aber das kann ich mir unmöglich

leisten." Er lächelte. "Naja. Ich bin ja eigentlich sowieso kein

Sammler." Dann stand er auf, und kam zur Theke. Das Lächeln war

bereits wieder verflogen. "Wie steht es um Munition?"

"Wir haben alle üblichen Kaliber, und viele weniger gebrauchte. Alle

anderen kann ich bestellen."

"Ich benötige .223 Gewehrmunition. Vollummantelt. Europäische, wenns

geht."

"Kein Problem. Wie viele?"
 

Nachdem Tanner zwei Pack à 50 Schuss gekauft hatte, ging er wieder.

May kam in den Verkaufsraum. "Ist schon ein seltsamer Typ", sagte

sie. "Nicht unfreundlich, aber..."

"Hast du uns beobachtet?" fragte Rally.

"Ehehe... Ja, hab ich."

"Dann sag mir: Ist das der Mann, der auf Cogan geschossen hat?"

"Was?"

"Du weisst schon... Als wir Cogan geschnappt haben, hat doch jemand

auf ihn geschossen."

May erinnerte sich. Cogan wurde an der Schulter gestreift. May

entdeckte den Schützen zwar mit ihrem Feldstecher, aber wegen der

untergehenden Sonne konnte sie nicht viel sehen. Trotzdem... "Kann

schon sein", sagte sie. "Die Statur stimmt überein. Warum

verdächtigst du ihn denn?"

"Der Schütze verwendete ein Gewehr. Ein SIG SG551. Erinnerst du dich?"

"M-Hm."

"Nun, Tanner versteckt ein Gewehr unter seiner Jacke. Von der Grösse

her könnte es ein SG551 sein. Und die Munition, die er gerade gekauft

hat, würde ebenfalls passen."

"Du meinst, er ist einer von Stevensons Killern?"

Rally schüttelte den Kopf. "Nein, das glaube ich nicht. Wie ich

damals schon sagte, ist das ein äusserst präzises Gewehr. Cogan wurde

vermutlich absichtlich 'verfehlt'. Ausserdem glaube ich, das es

Tanner war, der Toms Uzi zerschoss, als er uns vor Stevensons

Hauptquartier abgefangen hatte."

"Wie kommst du darauf?"

"Ganz einfach." Rally holte eine leere Patronenhülse unter der Theke

hervor. "Diese Hülse fand ich dort auf dem Boden. Es ist ebenfalls

eine .223. Und jetzt schau dir das an:" Sie drehte die Hülse in ihrer

Hand, so das eine kleine Delle in der Seite sichtbar wurde. "Die

Gewehre der SG55x-er Serie werfen die leeren Hülsen nach vorne aus",

erklärte sie. "Dabei entsteht diese Delle. Bei keiner anderen Waffe

ist das der Fall."

May dachte darüber nach. "Das ergibt doch keinen Sinn", sagte sie

schliesslich. "Das würde bedeuten, dass Tanner uns zweimal aus einer

etwas brenzligen Situation geholfen hat."

"Genau das bedeutet es", erwiderte Rally ernst. "Und ich will wissen,

warum."
 

Das Telefon läutete und läutete. "Komm schon, Becky", murmelte Rally.

"Du bist doch zu Hause." Das Telefon gab sich unbeeindruckt, und

läutete munter weiter. "Warum schaltest du den Anrufbeantworter nicht

ein, wenn du nicht da bist?"

Endlich, Rally wollte bereits auflegen, wurde der Anruf

entgegengenommen. "Hallo?" meldete sich Becky reichlich verschlafen.

Rally schaute auf die Wanduhr. Es war Viertel nach Zehn. "Hab ich

dich etwa geweckt?" fragte sie ungläubig.

"Sieht so aus. Hab die ganze Nacht durchgearbeitet. Muss vorm

Computer eingeschlafen sein."

Rally hörte, wie Becky eine Tasse aufhob, und daraus trank... und

sofort wieder ausspuckte.

"Baaa. Der ist ja kalt!"

"Der was?"

"Kaffee."

"Na, was hast du denn erwartet? Der bleibt nicht heiss."

"Einen Moment."

"Becky!" rief Rally, aber es war bereits zu spät. Becky war nicht

mehr am Telefon. Nach einer Weile konnte Rally Wasser kochen hören.

"So, da bin ich wieder. Was isn?" fragte Becky.

"Ich werde dir die Telefonkosten in Rechnung stellen!"

"Lass das, Rally. Ich bin nicht..." Becky gähnte. "Ich bin nicht in

der Stimmung für solche Scherze. Also?"

"Ich hab einen Auftrag für dich."

"M-Hm." Becky klang nicht gerade begeistert.

"Das gibts doch nicht. Hast du etwa immer noch keine Zeit?"

"Eigentlich bin ich ja noch am selben Job, wie letztes Mal, als du

mich angerufen hast. Aber ich komme einfach nicht weiter. Wenns also

ein Routinejob ist, nehm ich ihn vielleicht an. Worum gehts denn?"

"Ich brauch lediglich ein paar Informationen über einen anderen

Prämienjäger."

"Hm? Willst du dich etwa unliebsamer Konkurrenz entledigen? Ah, es

ist heiss."

Das Kochen hörte auf.

"Unsinn. Es ist nur so, das er solch eine seltsame Person ist. Ich

will nicht in seine Schusslinie geraten... Becky?... Bist du noch

drann?..."

"Ja, ja, da bin ich. Hab nur gerade den Krug geholt. Ich brauch jetzt

etwas Kaffee. Wie heisst die Zielperson?"

"Tanner. Donald Tanner."

"Autsch!" Becky fluchte laut.

"Äh, Becky?"

"Mmm. Ich habe mir gerade den heissen Kaffee über die Hand

geschüttet. Ah, so ein Mist! Äh, du Rally. Ich bin in einer halben

Stunde bei dir, okay?"

"Alles klar. Bis später."

Rally hängte den Hörer ein. "Seltsam", dachte sie sich. "Wieso kommt

sie extra hierher? Da steckt doch mal wieder mehr dahinter."

Ein Pakt mit Becky

Obwohl sie und May den Laden bereits mehr als einmal nach Wanzen

abgesucht hatten, war es Rally zu riskant, hier die Sache mit Tanner

zu besprechen. Als Becky ankam, fuhren sie daher in die Innenstadt zu

einer Bar. Fay, eine Freundin von Rally, arbeitete dort.

Normalerweise war die Bar am Vormittag geschlossen. Aber für Rally

wurde da schon ab und zu mal eine Ausnahme gemacht. So war es auch an

jenem Tag.
 

Rally und Becky setzten sich an einen Tisch. Sie hatten reichlich

Auswahl, denn natürlich war das Lokal völlig leer.

"Kann ich euch irgendwas bringen?", fragte Fay.

"Danke, ja. Ich... nehme einen Kaffee", sagte Rally.

"Ich nehme *zwei* Kaffee. Den stärksten, den ihr habt", meinte Becky.

"Alles klar."

Fay ging nach hinten, und machte sich an der Kaffeemaschine zu

schaffen.

"Also", sagte Rally zu Becky, "warum konnten wir das nicht am Telefon

besprechen?"

"Weil der Fall möglicherweise viel grösser ist, als du denkst", sagte

Becky. "Dieser Tanner ist eine ganz schön harte Nuss."

"Ist er der Typ, hinter dem du seit Wochen her bist?"

"Wie kommst du darauf?"

"Ist nur ne Vermutung."

Becky nickte. "Ganz genau. Und in dieser Zeit habe ich nicht

allzuviel über ihn rausbekommen. Allerdings... Das was ich über ihn

rausbekommen habe...", sagte sie mit düsterer Miene.

"Nun?", fragte Rally.

"Würde dich normalerweise ein kleines Vermögen kosten",

vervollständigte Becky.

"War ja klar", dachte sich Rally. "Wieviel willst du denn?", fragte

sie.

"Tja, du hast Glück", meinte Becky. "Meinem Kunden reichen die

bisherigen Informationen nicht, und ich komme einfach nicht weiter.

Ich könnte etwas Hilfe gebrauchen."

"Ich soll für dich Arbeiten?", fragte Rally überrascht.

"M-Hm", bestätigte Becky. "Erstens musst du ja schon etwas über ihn

wissen, sonst hättest du mich ja wohl kaum nach ihm gefragt. Dann

könntest du mir helfen, ihn zu überwachen. Wäre mir eine grosse

Hilfe. Der Kerl ist schlüpfrig wie ein Aal. Und ausserdem seit ihr ja

quasi Kollegen. Du könntest, na du weisst schon, Verbindungen

knüpfen."

Rally errötete leicht. "Äh, ich glaube, dass ist doch eher Mays

Fachgebiet."

"Wie du meinst. Aber ich glaube, etwas Erfahrung in diesem Gebiet

würde dir auch nicht schaden."

"Sie hat gar nicht so Unrecht", meinte Fay, die gerade mit den drei

bestellten Kaffee ankam. "Alles in allem... In deinem Alter."

"Mann...", brummte Rally, "könntet ihr zwei bitte ernsthaft werden?"

"Ich bin todernst", sagte Becky grinsend, und nahm sich gierig eine

der Kaffeetassen.

Noch bevor Fay ein Wort der Warnung aussprechen konnte, hatte Becky

den Kaffee schon angesetzt. Die Folgen waren schmerzhaft. Der Kaffee

war nämlich noch heiss.
 

Nachdem Becky sich die Lippen etwas gekühlt, und Fay den

verschütteten Kaffee aufgewischt hatte, nahm Rally das Gespräch

wieder auf:

"Also Becky, irgendwie kommt mir das alles ein wenig Spanisch vor.

Unter welchen Umständen hast du den Auftrag denn bekommen?"

"Das darf ich dir doch nicht sagen. Zumindest nicht, bis wir einen

Vertrag geschlossen haben. Aber grob gesagt, ist ein Kunde bei mir

aufgetaucht, und hat mir den Auftrag gegeben, so viel wie möglich

über Tanner rauszufinden. Und die Bezahlung hängt von der Menge und

Qualität der Informationen ab."

"Und wer der Kunde war, darfst du mir natürlich nicht sagen?"

Becky zuckte mit den Schultern. "Warum auch nicht. Ist eh ein

Pseudonym. Er nannte sich Dantes."

"Dantes? Hmmm... Den Namen hab ich kürzlich gehört."

"Ich würde nicht allzuviele Gedanken darüber verschwenden. Wie schon

gesagt: Es ist vermutlich ein Pseudonym. Aber nun zum Geschäft: Die

Infos, die ich bisher über Tanner gesammelt habe, sind bereits eine

Menge Wert. Aber wenn du mir hilfst, noch weitere zu finden, würde

ich dir alles gratis überlassen."

"Hmmm..."

Rally lehnte sich zurück. Vorsichtig nahm sie einen Schluck Kaffee.

Er war mittlerweile genug abgekühlt, um trinkbar zu sein.

"Wenn ich das richtig verstanden habe, dann erhältst du um so mehr

Geld, je mehr Informationen wir zusammentragen, richtig?"

Becky wurde klar, dass sie vorhin eine elementare Grundregel eines

jeden Informanten verletzt hatte: Rücke keine Informationen heraus,

die dir nichts bringen. Und schon gar keine, die dich etwas kosten!

"Ich denke", fuhr Rally fort, "in diesem Fall wäre eine prozentuale

Beteiligung angebracht. Sagen wir, 30 Prozent?"

Dann trank Rally langsam ihren Kaffee, während Becky sichtlich um

ihre Fassung rang.

"W... W... Wie bitte!? Wieviel!?", rief sie. "Weisst du, wieviel ich

alleine schon für die Infos bekommen würde, die ich selbst schon

habe? Fast... 50'000 Dollar! Und die würde ich dir schenken!"

"Tanner interessiert mich nur insofern, als dass ich wissen will,

warum er mir ständig in die Quere kommt. Deine Infos sind für mich

also nicht so wahnsinnig interessant. Vor allem würde ich keine 50

Mille dafür zahlen."

Becky überlegte einen Moment. "Also meinetwegen. Du kriegst 10

Prozent der Prämie. Das ist doch was, oder?"

"Ich sagte 30"

"Erde an Rally, bitte melden! Soviel zahle ich nicht. Niemand würde

das."

"Das ist aber schade."

Becky seufzte. "Was soll das Rally? Soll ich dich etwa auf Knien

anflehen, und traurige Geschichten über zu ernährende Kinder

erzählen?"

Rally grinste, und überlegte einen Moment. "20% der Prämie plus alle

Informationen, die diesen Fall betreffen, gratis?", fragte sie.

"Hm. Na schön. Einverstanden", brummte Becky.
 

Einen Handschlag später, mit Fay als Zeugin, war der Handel

besiegelt. Becky holte einen Stapel Blätter aus ihrer Aktenmappe.

"Na, dann wolln wir mal. Erst mal ein grober Abriss: Unser Freund ist

Ausländer. Höchstwahrscheinlich Europäer, vermutlich Italiener. Er

ist erst seit einigen Wochen oder Monaten hier. Hat Verbindungen

aller Art. Sowohl zu legalen wie auch zu illegalen Organisationen. Er

ist sehr vorsichtig, was ihn schwer greifbar macht. Ausserdem fürchte

ich, dass er Verbindungen zu ein paar hohen Tieren hat."

Rally pfiff durch die Zähne. "Und so was hab ich als Kunden."

"Als Kunden?"

"Ja, er hat Munition bei mir eingekauft. Aber warum meinst du, dass

er ein paar hohe Tiere kennt?"

"Oh, ganz einfach. Während der Routinekontrolle habe ich die

Einwohnerdatenbank abgefragt. Dergemäss ist Tanner von Geburt an

Bürger des Staates Illinois. Aber ich konnte keine Verbindung zu

einer der eingesessenen Familien ziehen. Das hat mich misstrauisch

gemacht, und ich habe die Datenbank mal... genauer angesehen."

"Du meinst... gehackt."

"Wer? Ich?", sagte Becky mit Unschuldsmiene.

Rally und Becky lachten. Dann fuhr Becky fort:

"Wie dem auch sei: Sein Eintrag ist gefälscht. Er wurde erst vor 3

Monaten gemacht. Was mich an der ganzen Sache stört, ist, dass die

Fälschung hervorragend gemacht wurde. Ohne eine genaue Prüfung der

Rohdaten auf der Datenbank ist sie nicht zu entdecken. Wenn du mich

fragst, ist sie offiziell angeordnet worden."

"Ein Hacker kommt nicht in Frage?"

"Unwahrscheinlich. Die Fälschung zu entdecken war schwierig. Sie

anzubringen, war aber noch viel schwieriger. Wenn das ein Hacker war,

dann war er schweinisch gut."

"Gibt es Fälle, wo so etwas offiziell gemacht wird?"

"Ja, bei Zeugenschutzprogrammen. Aber ich glaube, dass können wir

ausschliessen. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, welches Tanners

wirkliche Nationalität ist. Aber ich bin mir fast 100-prozentig

sicher, dass er kein US-Amerikaner ist."

"Ja", bestätigte Rally. "Wenn ichs mir recht überlege, so klangen

seine Sätze doch ziemlich wie aus dem Schulbuch. Es klang so, als

könne er zwar Englisch sprechen, sei es sich aber nicht gewohnt."

"Sowas dachte ich mir", sagte Becky. "Was weisst du denn so alles

über ihn?"
 

"Tja", sagte Rally, "da erklär ich dir am Besten die ganzen Umstände,

wie ich auf ihn gestossen bin. Was weisst du über den Fall Stevenson?"

"Den Fall Stevenson?", fragte Becky. "Der Drogenring? Ah, dann

steckst du also doch hinter der Bombe. Ich dachte mir schon, dass sei

doch genau Kens Typ. Na, liege ich richtig?"

"Äh, ja. Wie ich sehe, bist du gut informiert. Aber sei bitte etwas

leiser."

"Klar doch", meinte Becky grinsend. "Also, der Fall Stevenson. Und

weiter?"

"Nun, alles hat angefangen mit dem Fall Cogan. Du weisst schon. Der,

wegen dem ich dich angefragt hatte. Als ich Cogan einsacken wollte,

hat ihn jemand angeschossen. Ich vermute, dass das Tanner war."

"Hast du was Handfestes?"

"Leider nicht, aber... sag mal, hat Tanner eine Lizenz für ein SIG

Sturmgewehr Typ SG550 oder so?"

"Ein Sturmgewehr? Augenblick."

Becky sah die Blätter durch. Schliesslich fand sie, wonach sie

gesucht hatte:

"Hier. Lizenz für ein Sturmgewehr SIG SG551."

"Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch. Jedenfalls hatte der Schütze

genau so ein Gewehr."

"Meinst du? Immerhin sind die SIG Waffen doch recht verbreitet, oder?"

"Nicht dieses Gewehr. Es ist teuer und sehr pflegebedürftig. Darum

wird es fast nur von offiziellen Stellen verwendet."

"M-Hm. Könnte eine Spur sein. Und weiter?"

"Nun, in der Folge sind wir in den Fall Stevenson hinein geraten. Und

dabei hat wiederum jemand mit solch einem Gewehr mir kurz geholfen,

indem er die Waffe von Thomas Martin, Stevensons Sicherheitschef,

zerstörte. Ausserdem ist Tom gestern abgehauen, und anscheinend hat

sich Tanner sofort auf dessen Fersen geheftet."

Becky zog die Augenbrauen hoch. "Na schau mal einer an. Nur zu deiner

Information: Der Auftrag, Martin zurückzuholen, wurde nie

ausgeschrieben. Tanner hat ihn direkt erhalten."

"So ist das also. Ich hatte bei dem Job also gar keine Chance. Oh,

jetzt weiss ich wieder, wo ich den Namen Dantes schon mal gehört

habe. Vector hat ihn erwähnt."

"Vector? Doch nicht der Syndikatsboss Vector, oder?" Beckys

Gesichtsfarbe wurde sichtlich heller.

"Genau der. Kennst du ihn?"

"Machst du Witze? Jeder bessere Informant hatte schon mal Besuch von

diesem netten Herrn oder einem seiner Untergebenen."

"Oh. Naja, jedenfalls hat er..."

"Ich wills nicht wissen", warf Becky ein. Sie nahm ihren zweiten

Kaffee, und leerte die Tasse in einem Zug.

Rally war perplex. Dass letzte Mal, das Becky etwas *nicht* wissen

wollte... Nein, sie konnte sich nicht erinnern, dass sowas bisher je

der Fall gewesen war.

"Du... willst es nicht wissen?", fragte sie.

"Wenn Vector rauskriegt, dass du Informationen über ihn herausgibst,

dann bist du so gut wie tot", erklärte Becky. "Glaub mir, es ist

besser, wenn ich nichts darüber weiss. Nur soviel: Was glaubst du,

war die Verbindung zwischen Vector und Dantes?"

"Nun, Vector sagte, dass Dantes ihm misstraue. Dantes war wohl ein

Auftraggeber. Ich vermute, er gehört zu einem der anderen Syndikate."

Becky atmete hörbar auf. "Gut. Das ist immer noch viel angenehmer,

als für Vector selbst zu arbeiten. Lass mich dir einen Tipp geben:

Vector heuert gelegentlich Leute von ausserhalb seines Syndikats an.

So ziemlich alle, die einem solchen Handel zugestimmt haben, haben

sich daran die Finger verbrannt. Also halte dich fern von ihm."

"Ich kann dir versichern, dass ich absolut keine Absicht habe, mich

nochmals mit ihm zu befassen."

"Gut. Also, überlegen wir uns mal wie weiter. So, wie ich das sehe,

haben wir zwei Spuren, die wir verfolgen können. Die eine ist Martin.

Die andere wäre sein Einkauf bei dir. Er hat doch mit Kreditkarte

bezahlt, oder?"
 

Kurze Zeit später erschienen Becky und Rally wieder im Laden. Rally

ging die Kassenbelege durch, und fischte den von Tanners

Munitionskauf heraus. Becky notierte sich Tanners Kreditkartennummer.

"Sag mal", flüsterte Rally, "du willst dich doch nicht in den

Bankencomputer einhacken."

Den Gedanke, was Becky dort alles anstellen könnte, fand Rally etwas

beängstigend. Aber Becky beruhigte sie:

"Nein, das habe ich nicht vor. Banken sind grundsätzlich paranoid,

und ihre Systeme entsprechend gut geschützt. Ein direkter Angriff

wäre viel zu umständlich. Aber es gibt noch andere Mittel und Wege,

um an Informationen zu gelangen. Wie auch immer. Ruf mich an, wenn du

weiterkommst, ja?"

Daraufhin ging Becky wieder. May, die sich bisher zurückgehalten

hatte, konnte ihre Neugierde nicht weiter bezähmen.

"Was habt ihr denn besprochen?", fragte sie.

"Gehn wir rasch rüber", meine Rally, und ging zum Raum nebenan.

Rally und May hatten diesen Raum besonders gründlich auf Wanzen

abgesucht, um das Telefon darin einigermassen sicher benutzen zu

können. Die Wahrscheinlichkeit, abgehört zu werden, war hier also

bedeutend kleiner, als in irgend einem anderen Teil des Ladens.

"Also", begann Rally. "Becky ist schon eine ganze Weile hinter diesem

Tanner her. Aber ihrem Auftraggeber reichen die Informationen noch

nicht. Und weil sie einfach nicht weiterkommt, helfen wir ihr aus. Im

Gegenzug bekommen wir Beckys Infos zum Fall gratis, und einen Fünftel

der Erfolgsprämie."

"Was!? Becky bezahlt uns?"

May konnte das kaum glauben. Aber Rally nickte nur lächelnd.

"Die muss ganz schön verzweifelt sein", meinte May.

"Wie dem auch sei", fuhr Rally fort, "ich brauche deine Hilfe bei der

Sache. Und als erstes habe ich einen Job für dich und Ken, wo ich

eure speziellen Fähigkeiten brauche."

"Echt? Wann? Wo?"

"So schnell wie möglich. Was genau und wo werde ich dir draussen

erklären. Sicher ist sicher."

Mays Augen hatten einen Rally gut bekannten, und normalerweise

gefürchteten, Glanz angenommen. May konnte es anscheinend kaum

erwarten. Für sie war das zu schön, um wahr zu sein.

"Alles klar, ich hole das 'beim Fischen'-Schild, und..."

"Das wird nicht nötig sein", unterbrach Rally. "Ich habe von der Bar

aus eine Vertretung organisiert."

"Eine Vertretung?"

"Ja. Für den Laden. Während wir weg sind."

May setzte einen halb verwunderten, halb fragenden Blick auf. Doch

Rally schien entschlossen zu sein, May auf die Folter zu spannen. Die

'Folter' dauerte indes nicht lange. Die rote Lampe über der Tür zum

Verkaufsraum begann zu blinken, was bedeutete, dass jemand den Laden

betreten hatte. Rally und May gingen hinüber. Das heisst, Rally ging.

May stürmte eher.
 

"Hallo?", fragte Misty etwas verloren.

Es kam ihr seltsam vor, dass niemand im Verkaufsraum war. Doch kurz

darauf flog die Tür zum Nebenraum auf, und May stürmte herein.

"Misty?", fragte May überrascht.

"Genau", bestätigte Rally. Dann wandte sie sich Misty zu. "Danke,

dass du kommen konntest."

"Aber für dich doch immer", erwiderte Misty.

"Also, hier hast du eine Schürze", begann Rally zu erklären. "Das ist

der Schlüssel für den Munitionsschrank. Die hier sind für die

Waffenschränke. Das Lager lass ich zu. Komplexere Aufträge wie

Spezialanfertigungen oder Sonderbestellungen bringst du mir einfach

am Abend nach Hause. Ich seh sie mir dort an."

"Alles klar", sagte Misty, und legte sich die Schürze um.

"Du Rally?", fragte May. "Jetzt, wo Misty da ist, können wir doch

anfangen, oder?"

"Klar doch", meinte Rally beschwichtigend. "Gehn wir."

Draussen erklärte Rally May kurz, was sie tun sollte:

"Also, du nimmst jetzt deinen Wagen, und fährst nach Hause. Ken

wartet wahrscheinlich schon dort. Er wird dir alles weitere

erklären."

"Bin schon unterwegs", meinte May. "Und was machst du?"

"Ich statte einem alten Freund einen Besuch ab."
 

Eine halbe Stunde später befand sich May im Keller ihres gemeinsamen

Hauses, und hantierte mit einem elektronischen Gerät. Sie war sauer,

und man sah es ihr an. Ihre Laune besserte sich auch nicht, als Ken

durch die Tür kam.

"Bist du fertig?", fragte Ken.

"Gleich", brummte May.

Einige Sekunden später schaltete sie das Gerät ab.

"So, das wärs."

Gemeinsam gingen sie zur Kellertreppe.

"Warum bist du eigentlich so sauer?", fragte Ken.

"Als Rally von unseren besonderen Fähigkeiten sprach, dachte ich

eigentlich an Bomben, nicht an Elektronik. Und unser Haus zu

entwanzen finde ich nicht gerade aufregend", murrte May vor sich hin.

"Ach so, Rally hat dir also nicht gesagt, worum es sich bei der

Aufgrabe genau handelt."

"Hmpft. Hast du eigentlich welche gefunden? Bei mir war keine

einzige."

"Ja, am Lüftungsgitter war eine."

Ken griff in die Jackentasche, und holte besagte Wanze hervor. Der

Typ war May wohlbekannt. Es waren dieselben, die sie im Laufe der

letzten paar Wochen immer wieder gefunden hatten.

"Die hier scheint allerdings tot zu sein", fuhr Ken fort.

May hielt im Schritt inne.

"Tot?", fragte sie.

"Keine Signale", erklärte Ken. "Ich hab sie auch mit einem Multimeter

geprüft. Anscheinend ist ihr die Batterie ausgegangen."

"A-Aber wenn alle Wanzen vom gleichen Typ sind, dann ist unsere

Arbeit vielleicht..."

"Nicht so voreilig. Es könnten ja auch welche nachträglich platziert

worden sein."

Ken ging weiter zur Treppe, und stieg ins Erdgeschoss hinauf, um auch

dieses zu prüfen. May folgte ihm. Aber nicht, bevor sie ein lautes

"Warum ich?!" durch die Gänge schallen lies.
 

Arthur Cogan war guter Laune. Zum einen hatte er für seine Aussage

als Kronzeuge Straffreiheit erhalten. Zum anderen hatte er seinen

Wegzug aus dieser Stadt organisieren können. Nicht mehr lange, und er

konnte die meisten seiner Feinde hinter sich lassen. Nicht zu

vergessen seine Unterkunft, eine Wohnung in einer Bruchbude, die

irgend ein Witzbold als Wohnhaus eingestuft hatte. Noch dazu in einem

heruntergekommenen ex-Industrieviertel. Aber immerhin waren die

Mieten niedrig, und die Umgebung ruhig.
 

Wie schon gesagt, er war guter Laune. So guter Laune sogar, dass es

ihn nicht weiter störte, dass die Ganglichter schon wieder

ausgefallen waren. Das passierte so häufig, dass er mittlerweile

darin geübt war, das Schüsselloch im Dunkeln zu treffen. Das war auch

tagsüber nötig, da der Gang keine Fenster hatte. Er hatte gerade den

Schlüssel in die Hand genommen, als er hinter sich eine ihm bekannte

Stimmer hörte.

"Guten Abend Mister Cogan", sagte Rally.

Das genügte, um bei Cogan den Angstschweiss ausbrechen zu lassen.

Einen Moment dachte er daran, über die Feuertreppe am anderen Ende

des Ganges zu flüchten. Aber dann fiel ihm ein, dass dies ein

hoffnungsloses Unterfangen gewesen wäre. Der Notausgang war

blockiert. Die Leute hier fürchteten Einbrecher mehr als Brände.

Langsam drehte er sich um. Es war tatsächlich Rally, die da vor ihm

stand. Er sah keine Waffe, aber er zweifelte keine Sekunde daran,

dass sie mindestens eine bei sich trug.

"N'Abend", sagte er langsam.

"Wollen wir nicht reingehen?", fragte Rally.

Cogan nickte nur kurz. Er schloss die Tür auf und ging geradewegs ins

Wohnzimmer. Das war der einzige Raum, der gross genug war, dass sich

zwei Personen darin aufhalten konnten, ohne sich auf die Füsse zu

treten.

"Verdammt!", dachte er sich. "Die ist sicher nicht da, um sich nach

meiner Gesundheit zu erkundigen. Und dabei hätte ich es fast

geschafft."

Er hörte, wie Rally die Tür schloss, und ihm folgte. Ihr fiel sofort

auf, dass die Wohnung fast leer war. Mal abgesehen von ihr und Cogan

waren da nur noch die beiden grossen Koffer bei der Tür, und der alte

Sessel im Wohnzimmer, der zu sperrig war, um ihn mitzunehmen.

Ungefragt setzte sie sich.

"Du ziehst weg?", fragte sie.

"Mmmm... ja. Auf Anraten meines Arztes. Die... Atmosphäre in dieser

Stadt ist nicht gut für mich."

"Jaja... Der Bleigehalt ist in den letzten Wochen deutlich gestiegen.

Das kann einem ganz schön ans Herz gehen."

"Öh... So in der Art."

Cogan warf einen flüchtigen Blick zum Fenster. Sollte er es

riskieren, und rausspringen? Immerhin waren sie hier nur im ersten

Stock. Andererseits... weh tun würde es auch so. Rally war der Blick

offenbar aufgefallen, den sie stand auf, und lehnte sich, sehr zu

Cogans Missfallen, gegen das Fenster. Damit war die Sache auch

entschieden.

"Sag mal", fuhr Rally fort, "so ein Umzug kostet doch einen Haufen

Geld. Vor allem, sicherzustellen, das man am neuen Ort *nicht*

erreichbar ist."

"Oh, das Zeugenschutzprogramm..."

"...hast du nicht in Anspruch genommen. Misstraust wohl der Polizei,

was?"

Cogan schluckte leer. Sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht. Das gefiel

ihm gar nicht.

"Na schön", brummte er, "ich habe ein paar Dinge verkauft, um an das

nötige Geld zu kommen."

"Dinge wie Informationen über meine Verwicklung in den Fall

Stevenson?"

Das hatte Cogan befürchtet. Rally wusste bereits alles, und war nur

da, um abzurechnen. Aber sie hatte einen entscheidenden Fehler

gemacht. Jetzt, wo sie am Fenster stand, war der Weg durch die Tür

frei! Cogan drehte sich um, rannte zur Tür, und riss sie auf. Doch

die Tür öffnete sich nur ein Stück weit. Rally hatte beim

hereinkommen die Kette eingehängt. Geistesgegenwärtig versuchte Cogan

noch, die Kette zu lösen, doch da war Rally bereits neben ihm, und

schlug die Tür wieder zu.

"Schluss mit den Spielchen!", rief sie. "Was hast du Tom erzählt?!"

"Tom? Wer ist Toooo?"

Rally zog ihn an an einem Ohr zurück ins Wohnzimmer, und drückte ihn

in den Sessel. Dann zog sie betont langsam und mit einer sehr

verärgerten Miene die CZ-75, ihre Lieblingspistole, aus dem

Seitenhalfter.

"Ist ja gut, ist ja gut!", schrie Cogan in Panik. "Ich habe so einem

Typen von Stevensons Sicherheitstruppe verraten, dass du hinter der

Sache gesteckt hast. Mehr nicht, ich schwörs! Und er Kerl hiess

Martin, nicht Tom!"

"Martin ist sein Nachname. Wo steckt er jetzt?"

"Woher soll ich das Wissen! Ich kenn den Typen doch gar nicht!",

jammerte Cogan.
 

Rally stieg wieder in den Wagen. Ihr Verhör von Cogan war nicht

besonders ergiebig gewesen. Natürlich wusste sie, dass Cogan nie

selbst im Labor war. Trotzdem hatte sie gehofft, dass Stevenson ihn

zumindest in einige wenige Dinge eingeweiht hatte. Sie rief Becky mit

dem Autotelefon an, und brachte sie auf den aktuellen Stand der

Dinge.

"Tja, das ist Pech", sagte Becky. "Aber wenigstens wird er sich jetzt

wohl hüten, uns weiteren Ärger zu machen."

"In der Tat", meinte Rally grinsend. "Aber leider bringt uns das auch

nicht weiter."

"Kopf hoch. Ich hab hier eine nette, kleine Liste mit Toms üblichen

Verstecken."

"Ah schön, dann werd ich die mal überprüfen." Rally öffnete das

Handschuhfach, und holte daraus einen Notizblock. "Also, schiess

los."

"Nicht so hastig", wandte Becky ein. "Das sind neue Informationen.

Die verrechne ich dir."

"Nix da", protestierte Rally. "Laut Abmachung bekomme ich alle

Informationen gratis, die diesen Fall betreffen. Nicht nur

diejenigen, die bereits vorher bekannt waren."

"Aasgeier!"

Rally musste ob dieser letzten Bemerkung Beckys grinsen, denn

üblicherweise war die Situation umgekehrt. Becky gab schliesslich,

wenn auch zähneknirschend, die Adressen heraus, und Rally notierte

sie sich.

"Gut", sagte Rally schliesslich. "Ich werd mal noch so viele prüfen,

wie ich heute schaffe. Ken und May sollten auch bald fertig sein. Wir

können uns also heute Abend bei mir treffen. Sagen wir, um acht?"

"Kein Problem. Aber an deiner Stelle würde ich mich beeilen. Tanner

ist mit Sicherheit selbst bereits auf der Suche nach Tom. Und die

alten Verstecke zu prüfen, ist Routine."

"Jaja. Ich mach diesen Job auch nicht erst seit gestern, weist du."

"Wie du meinst. Aber ruf mich an, falls du Tanner findest, okay?"

"Meinetwegen", brummte Rally und legte auf.

Ihr Plan war einfach. Gerade deshalb hoffte sie auf Erfolg. Da Tom

noch nicht bei der Polizei abgeliefert worden war, war er ja

offensichtlich noch frei, und Tanner logischerweise hinter ihm her.

Sollte Rally Tom finden, bevor Tanner das tat, würde Tanner ihr

früher oder später in die Arme laufen. Rally klaubte einen Stadtplan

hervor, und suchte die Standorte der Verstecke heraus. Natürlich

waren sie über die ganze Stadt verteilt. Rally beeilte sich daher.
 

Die ersten drei Verstecke waren ein Reinfall. Weder von Tom noch von

Tanner war die geringste Spur vorhanden. Das beunruhigte Rally nicht

weiter, doch allmählich wurde es später, und Rally wusste, dass sie

die Suche bald abbrechen musste, wenn sie noch rechtzeitig zu Hause

sein wollte. Beim vierten Versteck erwartete sie jedoch eine

Überraschung. Vor dem Haus stand ein blauer Corsa. Genau so einer,

wie ihn auch Tanner fuhr. Jetzt waren diese Wagen zwar alles andere

als selten, doch dieser hier stand ganz alleine auf weiter Flur.

"Mal sehen", dachte sich Rally, und wartete in sicherer Distanz.

"Vielleicht..."

Sie wurde nicht enttäuscht. Kurze Zeit später kam Tanner,

offensichtlich unverrichteter Dinge, aus dem Gebäude. In seiner

rechten Hand hielt er ein Gewehr. Es war tatsächlich ein SG551. Mit

ihrem Kennerblick erkannte Rally sofort das überlange Magazin. Das

erstaunte sie, denn mit 30 Schuss war dieses Magazin doch recht gross

für ein halbautomatisches Gewehr. Es seie denn, natürlich, es würde

sich um die vollautomatische Armeeversion handeln. Aber dann wäre

diese Waffe in den Händen eines Zivilisten normalerweise illegal.
 

Das Geräusch von Tanners startendem Corsa holte sie aus ihren

Gedanken. Vorsichtig verfolgte sie ihn im Cobra. Als sie vor einer

roten Ampel halten musste, rief sie Becky an:

"Du Becky, ich hab Tanner. War ein Riesenglück. Ich hab ihn zufällig

gesehen, wie er eines von Toms Verstecken verliess."

"Spitze! Wo seit ihr jetzt?"

"Er ist wieder unterwegs. Von der Fahrtrichtung her zu urteilen, ist

er auf dem Weg zu einem der anderen Verstecke."

Rally gab die Adresse des Versteckes durch, von dem sie vermutete,

das Tanner es ansteuerte.

"Alles klar", sagte Becky. "Ich mach mich sofort auf den Weg.

Unternimm nichts, bevor angekommen bin, hörst du?"

"Ist ja gut."

Rally legte wieder auf. Das Lichtsignal schaltete ebenfalls gerade

wieder auf grün, so dass sie Tanner weiter folgen konnte. So

allmählich bereute sie es, den Auftrag angenommen zu haben. Dass die

Tatsache, dass sie für Becky arbeitete, auch bedeutete, dass sie nach

Beckys Regeln arbeitete, hatte sie schlicht nicht bedacht. Sie machte

sich so ihre Gedanken, als Tanner mitten in einem Industrieviertel

unvermittelt vor einem Haus anhielt. Dass war dumm, denn es war

deutlich nach Feierabend, und die Gegend dementsprechend ruhig. Rally

konnte hier nicht einfach anhalten, ohne das es auffiel. Daher fuhr

sie an Tanner vorbei, und bog in die nächste Seitenstrasse ein. Erst

dort stellte sie den Wagen ab. Sie stieg aus, und sah um die Ecke.

Auch Tanner war mittlerweile ausgestiegen, und betrachtete das Haus

gegenüber. Es war ein altes Lagerhaus, dass anscheinend schon seit

einiger Zeit leerstand. Ideal für ein Versteck also. Das Problem lag

lediglich darin, dass dies nicht das Haus war, welches Rally gemeint

hatte. Es stand noch nicht einmal auf der Liste. Rally schnappte sich

das Autotelefon, und versuchte, Becky zu erreichen. Doch Becky

antwortete nicht. Sie war wohl schon unterwegs. Rally riskierte, den

Hörer in der Hand, einen zweiten Blick. Tanner ging mittlerweile, das

Gewehr gut sichtbar, zum Lagerhaus hinüber. Zufällig sah Rally, wie

sich im ersten Stock des dreigeschossigen Gebäudes die Überreste

dessen, was wohl mal ein Vorhang gewesen war, bewegten. Tanner schien

es nicht zu bemerken.

"Idiot!", dachte Rally. "Du wirst noch erschossen!"

Als Tanner schliesslich die Tür erreichte, und Becky noch immer nicht

antwortete, wurde es Rally zufiel. Sie schmiss den Hörer auf die

Gabel, und schloss den Wagen ab. Dann zückte sie die Pistole, und

rannte selbst zum Eingang, den Tanner gerade hinter sich geschlossen

hatte.

Überraschungen und andere Unannehmlichkeiten

Rally entsicherte die Waffe, und öffnete vorsichtig die Tür, durch

die Tanner eben gegangen war. Tanner war nicht zu sehen. Vermutlich

war er bereits nach oben gegangen. Leise schloss Rally die Tür

wieder, und sah sich kurz um. Sie stand in einem Gang, der gerade von

der Eingangstür wegführte, und an der gegenüberliegenden Hauswand

endete. An der rechten Seite hatte es verschiedene Türen, die

vermutlich zu ehemaligen Büros führten. Ganz hinten rechts war ein

Treppenhaus. An der linken Seite hatte es lediglich zwei Durchgänge.

Einen gleich beim Eingang, und einen gegenüber des Treppenhauses.
 

Rally hörte ein Geräusch von links oben. Vorsichtig ging sie durch

den Durchgang neben ihr. Unvermittelt stand sie in einem grossen,

praktisch leeren Lagerraum. Ein kurzer Rundblick zeigte, dass, wer

immer auch das Geräusch verursacht hatte, bereits wieder weg war.

Auch hier sah sich Rally kurz um. Der Lagerraum nahm drei Stockwerke

ein. Im Erdgeschoss befand sich eine grosse Schiebetür, die jedoch

zugenagelt worden war. Im ersten und zweiten Stock waren jeweils

Laufgänge, die rund um den Raum führten. Sie waren, wie im

Erdgeschoss, mit je zwei Durchgängen mit dem anderen Gebäudeteil

verbunden. Ausserdem hatte es beim Durchgang, durch den Rally gerade

gekommen war, sowie in der Ecke schräg gegenüber, jeweils eine

Leiter. Am Durchgang im zweiten Stock, auf halber Strecke zwischen

der hinteren Leiter und dem hinteren Durchgang, hatte jemand ein Seil

befestigt, welches jetzt von dort bis zum Boden des Raums

herunterhing.
 

"Tanner durchsucht das Gebäude vermutlich von unten nach oben",

dachte sich Rally. "Wenn ich also von oben nach unten suche, können

wir Tom in die Zange nehmen."

Rally kletterte die Leiter hoch in den zweiten Stock. Von dort aus

ging sie auf den Gang hinüber. Auch hier waren Bürotüren auf der

rechten Seite. Rally wollte die Zimmer einzeln prüfen. Sie ging zur

ersten Tür, um sie rasch und lautlos zu öffnen. Leider hatten die

Scharniere schon bessere Tage gesehen. Die Tür schwang zwar auf, aber

ein lautes Quietschen liess sich nicht vermeiden. Der Raum wahr leer.

Rally schloss die Tür wieder, und ging zur nächsten. Gerade, als sie

die Tür öffnen wollte, hörte sie Schritte im Treppenhaus. Sie ging

ein paar Schritte zurück, damit sie Notfalls im Durchgang Deckung

nehmen konnte. Aber es war nur Tanner, der da heraufkam. Er hatte das

Gewehr nicht im Anschlag. Aber so, wie er es hielt, war dies nur eine

Frage eines Sekundenbruchteils. Keine Frage: Er wusste, wie man damit

umgeht.

"Sie hatten mir doch versprochen, sich da rauszuhalten", sagte er,

während er zu Rally hinüberging.

Er sagte dies nicht vorwurfsvoll. Eher schon im Tonfall einer

sachlichen Feststellung.

"Tut mir leid", entschuldigte sich Rally.

"Jedenfalls sollten sie nicht den Cobra nehmen, wenn sie jemanden

verfolgen", meinte Tanner.

"Der Wagen ist wohl etwas zu auffällig", sagte Rally etwas verlegen.

"Allerdings", bestätigte Tanner leicht schmunzelnd.
 

In diesem Moment wurde die Bürotür beim Treppenhaus eingetreten. Tom

stürmte heraus, und zielte mit einer Uzi auf Rally. Tanner, der zu

diesem Zeitpunkt etwa in der Mitte des Gangs stand, fuhr herum, und

zielte auf Tom. Rally tat es ihm gleich.

"Schau an, wenn das nicht Rally Vincent ist", brüllte Tom. "So siehst

du also wirklich aus."

"Hallo Tom. Neue Waffe?", erwiderte Rally.

Tanner gab sich ebenfalls unbeeindruckt. "Mr. Martin, Sie sind

verhaftet", sagte er schlicht.

"Nun mal langsam, Freundchen. Sonst ist deine Kollegin hier nur noch

als Sieb zu gebrauchen", meinte Tom.

"Ich glaube nicht", konterte Rally. "Du schätzt deine Lage falsch

ein."

"Ach, ist das so? Inwiefern denn?", fragte Tom.

"Nun, du hattest die Wahl, entweder auf mich oder auf Mr. Tanner zu

zielen. Das du auf mich zielst, ist eine ziemliche Dummheit."

Rally demonstrierte, was sie meinte, indem sie durch den Durchgang

sprang, und auf dem Laufgang abrollte. Tom war damit seines Zieles

beraubt. Aus dem Gang hörte Rally einen Gewehrschuss, und dann wie

jemand alles andere als lautlos die Treppe hinunterstürmte. Rally

kletterte die Leiter hinunter ins Erdgeschoss, und rannte wiederum

durch den Durchgang. Gerade noch rechtzeitig, um Tom aus dem

Treppenhaus stürmen zu sehen. Tom sah Rally ebenfalls, und rannte

geradewegs weiter in den Durchgang beim Treppenhaus. Rally stürmte

wiederum zurück, aber Tom war nicht im Lagerraum. Sie lief in den

Gang zurück, aber dort war er ebenfalls nicht. Er war im Durchgang

stehengeblieben, wie Rally klar wurde, als Tom eine Salve auf den ihn

über die Treppe verfolgenden Tanner abfeuerte.

"Geben Sie auf, Martin!", rief Tanner mit seltsam nasaler Stimme.

"Du kannst mich mal!", rief Tom zurück.

"Sie können nicht ewig hier bleiben."

"Das gilt aber auch für euch! Mal sehen wer länger durchhält!"

Rally war in der Zwischenzeit in die Lagerhalle gegangen, und der

Wand entlang zum Durchgang geschlichen, in dem sich Tom verbarg.

Jetzt sprang sie mit entsicherter Waffe hervor. Aber Tom war viel

schneller als erwartet. Er sprang seinerseits in den Gang, und rannte

zum Ausgang. Rally sprang ihm hinterher, und feuerte einen Warnschuss

zu seiner Linken.

"Hier kommst du nicht raus!", rief sie.

Tom rannte durch den Durchgang bei der Tür. Rally fluchte, und rannte

ihrerseits zurück in den Lagerraum. Sie konnte gerade noch sehen, wie

Tom die Leiter hinaufkletterte, und hörte Schritte auf dem Laufgang

im ersten Stock.

"Er ist oben!", rief sie Tanner zu.

Dann rannte sie zur Leiter gegenüber, die jetzt näher war. Als sie

bis in den ersten Stock geklettert war, hörte sie wiederum Schritte

auf dem Laufgang im zweiten Stock, der von der Leiter zum Durchgang

führte. Rally machte ein paar Schritte auf den anderen Laufgang, so

dass sie freies Blickfeld nach oben hatte. Es war Tom. Er war

wirklich extrem schnell. Rally brachte die Pistole in Anschlag.

"Keine Bewegung!"

Tom fuhr herum, und zielte auf Rally. Doch diesmal war Rally

schneller. Ihre Kugel drang schräg in den Lauf der Uzi ein, und

machte die Waffe unbrauchbar. Ein zweiter Schuss riss die Waffe aus

Toms Hand.
 

Der zweite Schuss stammte nicht aus Rallys Waffe. Es war Tanner, der

Tom mittlerweile gefolgt war. Er kam gerade, mit dem Gewehr im

Anschlag, auf den Laufgang heraus. Nun konnte Rally sehen, warum

Tanners Stimme vorhin so nasal geklungen hatte. Tanner hatte zwei

Schläuche in der Nase, die aussahen, als ob sie zu einem Atemgerät

gehören würden.

"Geben Sie auf", forderte Tanner. "Auch eine kugelsichere Weste nützt

Ihnen nichts gegen diese Kugeln."

Da hatte Tanner vermutlich recht. Gegen .223-er Gewehrkugeln, wie er

sie verwendete, hilft nur eine Weste, die zusätzlich mit

Keramikplatten verstärkt worden ist. Tom ging kein Risiko ein, und

hob die Hände. Er sah zur Uzi hinüber, die sich im Geländer des

Laufgangs verfangen hatte. Der Verschluss war sauber durchschossen

worden. Genau wie damals, als Rally aus dem Labor flüchtete.

"Zwei auf einen Streich", murmelte Tom.

Langsam drehte er sich um, so dass er Tanner den Rücken zeigt.

"Ich habe nichts von umdrehen gesagt", sagte Tanner.

Tom sprang. Mit Händen und Füssen griff er die Aussenseite der

Leiter, und liess sich hinabgleiten. Tanner reagierte schnell. Aus

einer Innentasche seiner Jacke holte er ein Bremsseilrolle, und

hängte diese an dem Seil ein, das am Laufgang hing. Rasch liess er

sich hinunter. Doch Tom war etwas schneller gewesen, und erwartete

ihn unten bereits. Mit einer schnellen Bewegung schlug er Tanner das

Gewehr aus der Hand. Es schlitterte quer durch die Halle. Tanner

revanchierte sich mit einem Tritt in Toms Bauch, doch dessen

Bauchmuskulatur schien aus Stahl zu bestehen. Tom taumelte lediglich

etwas zurück, und griff dann sofort wieder an. Rally konnte nicht

einschreiten, denn sie hatte zwar eine freie Sichtlinie, in dem

Gerangel aber kein klares Ziel. Das Problem war, dass ihre Kugeln Tom

problemlos durchschlagen konnten. Und sie wollte Tanner auf keinen

Fall gefährden. Andererseits war es überdeutlich das Tanner Tom

unterlegen war. Er wich immer weiter zurück... in Richtung seines

Gewehrs, wie Rally plötzlich erkannte. Als er nur noch zwei Schritte

davon entfernt war, drehte er sich um, und wollte das Gewehr

aufheben. Tom aber hatte seine Absichten durchschaut, und hielt ihn

an der Jacke fest. Als Tanner sich wieder umdrehte, um sich zu

befreien, liess Tom unvermittelt los. Tanner verlor das

Gleichgewicht. Er war zwar sofort wieder auf den Beinen, aber

inzwischen hatte sich Tom das Gewehr geschnappt. Und natürlich stand

er genau zwischen Tanner und Rally.
 

Tom nahm das Gewehr locker in Anschlag, und hielt es gegen Tanner.

"Und nun?", fragte er höhnisch.

"Das Gewehr ist gesichert", erwiderte Tanner.

"Sehr witzig."

"Nicht wirklich."

Ein gezielter Tritt Tanners in die rechte Hand von Tom entwaffnete

diesen wieder. Das Gewehr wirbelte herum. Tanner wollte es auffangen,

aber da traf ihn eine rechte Gerade Toms mitten ins Gesicht. Er

taumelte zur Wand zurück. Die Schläuche in seiner Nase färbten sich

rot. Tom, wohl wissend, dass Rally leicht auf ihn schiessen konnte,

wenn er zu weit von Tanner weg war, liess das Gewehr liegen, und

baute sich direkt vor Tanner auf. Aus seinem Gürtel zog er einen

kleinen Colt 25, den er Tanner vors Gesicht hielt. Rally machte sich

bereit zu schiessen, denn jetzt war es nicht mehr so wichtig, ob

Tanner ebenfalls verletzt wurde. Aber sie musste eine Stelle treffen,

die höchstwahrscheinlich nicht geschützt war, und die Tom sofort

ausser Gefecht setzen würde. Da bemerkte sie, wie Tanner seine Jacke

etwas zurückzog.

"Okay, Tom, du hattest deinen Spass!", rief Rally. "Jetzt steck brav

deine Pistole wieder ein, und nimm die Hände hoch."

"Ich denke nicht daran", rief Tom, ohne sein Gesicht von Tanner

abzuwenden. "Ich glaube nämlich, ich bin hier in der stärkeren

Position."

"So? Soll ich dich vielleicht in Notwehr erschiessen? Jedes Gericht

der Welt würde das in dieser Situation akzeptieren."

"Und deinen Freund hier? Den willst du doch nicht verletzen, oder?"

"Wenn es nicht anders geht..."

Tom drehte den Kopf zu Rally. "Also hör mal!", rief er.

Genau darauf hatte Tanner gewartet. Blitzschnell zog er das Messer,

das er unter der Jacke versteckt hatte, und rammte es längs in Toms

Handgelenk.
 

Kurz darauf traf die Polizei ein, um Tom einzusammeln. Aber es

dauerte noch eine halbe Stunde, bis der Tatbestand aufgenommen, und

die Spurensicherung abgezogen war. Tanner diskutierte draussen, mit

einem Polizisten, während Rally in der Lagerhalle stand, und

versuchte, einem anderen Polizisten die Situation zu erklären.

"Also, sie standen da oben auf dem Laufgang, und Martin und Tanner

kämpften hier unten, richtig?", fragte er.

"Genau", bestätigt Rally.

"Und während des Kampfes hat dann Martin Tanner das Gewehr

entrissen."

"Nein! Martin hat Tanner das Gewehr gleich zu Beginn des Kampfes aus

der Hand geschlagen."

"Aber sie haben doch gesagt, Martin habe mit dem Gewehr auf Tanner

gezielt?"

"Ja, nachdem Martin es wieder aufgelesen hatte."

"Warum hat Tanner es denn nicht aufgelesen."

"Weil er nicht ran gekommen ist, verdammt!"

"Ganz ruhig, Miss Vincent. Aufregen bringt sie hier auch nicht

weiter. Also, danach wurde Tanner gegen die Wand geschlagen, und dann

haben sie von dort oben aus auf Martin geschossen."
 

Es ging noch eine ganze Weile so weiter. Als der Polizist

schliesslich darauf beharrte, Rally mit auf die Wache zu nehmen,

hätte sie ihn am liebsten erwürgt. Zum Glück kam da gerade der andere

Polizist, der mit Tanner geredet hatte, herein. Dieser meinte knapp,

es sei nicht nötig Rally oder Tanner auf die Wache zu nehmen, zumal

beide bei der Polizei bekannt waren. Rallys Polizist war zwar

offensichtlich nicht damit einverstanden, fügte sich aber in sein

Schicksal. Missmutig ging er nach draussen. Rally folgte ihm.

Draussen waren mittlerweile die meisten Wagen wieder verschwunden.

Ausser der Polizeiabsperrung deutete nichts mehr auf die Ereignisse

hin. Tanner lehnte sich gegen die Hauswand. Er sah etwas mitgenommen

aus. Zwei rote Striche unter der Nase zeugten vom Nasenbluten. Sein

Gewehr lehnte an der Wand. Die Jacke hatte er ausgezogen, und auf den

Boden gelegt. Denn Ausbuchtungen nach zu schliessen, enthielt sie

recht viel Ausrüstung. Rally konnte jetzt sehen, dass Tanner ziemlich

gut gepanzert war. Unter seinem ärmellosen Hemd trug er anscheinend

eine ziemlich dicke, schusssichere Weste. Auch die Arme waren durch

etwas, dass wie 'schusssicherer Ärmel' aussah, geschützt. Nur die

Gelenke waren frei.

"Ah, Miss Vincent", sagte Tanner. "Sie sehen etwas mitgenommen aus."

Rally stutzte einen Moment. Dann antwortete sie: "Ach, der Kerl hat

mich ein bisschen durch die Mangel genommen." Sie deutete auf den

Polizisten, der gerade in den letzten, bereitstehenden Polizeiwagen

eingestiegen war. "Ich mache mir mehr sorgen um Sie."

"Wieso, wegen des Faustschlags? Ich hab schon schlimmeres erlebt. Ich

glaube, Toms Schrei hat mir fast mehr geschadet."

"Naja, immerhin haben Sie ihm ja auch ins Handgelenk gestochen. Das

tut ganz schön weh."

"Ich denke eigentlich, ich war ziemlich nett zu ihm. Ich habe nur

seine Fingersehnen durchtrennt, so dass er die Waffe losliess.

Immerhin hätte ich ihn ja auch töten können."

Der andere Polizist kam aus dem Gebäude. Er hielt das Seil, dass an

den Laufgang gehängt war, aufgewickelt in der rechten Hand.

"Da hast du dein Seil zurück, Donald", sagte er, und warf das Seil

Tanner zu.

"Danke Paul", erwiderte dieser. "Aber sag deinem Azubi, er soll

künftig nicht mehr so übereifrig sein."

"Geht klar", meinte Paul grinsend. "Dein Messer ist leider

Beweisstück. Das kann ich dir nicht aushändigen."

"Das ist Verbrauchsware. Behaltet es als Souvenir."

"Okay. Für die Bestätigung musst du dich noch auf der Wache melden.

Bis dann!"

Dann stieg Paul ins Auto, und fuhr weg. Auch Tanner machte sich

daran, zu gehen. Er legte das Seil um seine Schulter.

"Ich... wollte mich noch entschuldigen", sagte Rally.

"Wofür?", fragte Tanner.

"Nun ja, weil ich mich in Ihren Fall eingemischt habe."

Tanner zuckte mit den Schultern. "Solange das Ergebnis stimmt..."

"Naja. Unter einem perfekten Ergebnis hätte ich mir vorgestellt, Tom

zu schnappen, ohne das jemand von uns verletzt wird."

"Ach was..."

"Hm. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, was?"

Die Luft um Tanner schien schlagartig abzukühlen. Rally fragte sich,

ob sie nicht etwas falschen gesagt hatte.

"Da irren sie sich, Miss Vincent", sagte Tanner ernst. "Schmerzen

sind mir sehr wohl bekannt."

Er öffnete den Ärmel an seinem linken Oberarm. Darunter kam eine

riesige Brandnarbe zum Vorschein. Rally erschrak.

"Tut... tut mir leid", stammelte sie.

"Schon gut. Das konnten sie ja nicht wissen."

Tanner schnallte den Ärmel wieder an. Dann nahm er seine Jacke und

sein Gewehr, und ging zu seinem Wagen. Auch Rally ging zu ihrem

Cobra, der immer noch in der Seitengasse geparkt war. Kaum sass sie

drinnen, da läutete auch schon das Autotelefon. Verwundert nahm es

Rally ab.

"Du hast es vermasselt!", brüllte Beckys Stimme aus dem Hörer.

"Oh Hallo Becky. Was meinst du mit..."

"Tu nicht so. Ich beobachte dich seit einer Viertelstunde. Glaubst

du, ich sei nicht fähig, Polizeifunk abzuhören? Wir sehen uns bei

dir! Und ich hoffe, du hast ein paar gute Erklärungen zur Hand!"

Becky legte auf. Rally tat es ihr gleich.

"Toll!", dachte sie sich. "Genau das, was mir zum krönenden Abschluss

eines erfolgreichen Tages noch fehlt."
 

Die Stimmung zuhause war nicht die beste. Becky war sauer, May war

sauer und Misty schien beunruhigt zu sein. Nur Ken machte einen

ziemlich unbeteiligten Eindruck. Rally machte sich auf ein paar

unangenehme Fragen gefasst. Sie sollte nicht enttäuscht werden.

"Also?", fragte Becky. "Darf ich mal erfahren, was dein Alleingang

sollte?"

"Alleingang?", fragte Misty noch mehr beunruhigt also vorher.

"Rally! Du hast doch nicht etwa...", rief May.

Rally hob beschwichtigend die Hände. "Ja. Ich habe Tanner gesehen,

wie er gerade Tom verhaften wollte. Und ich habe in den Kampf

eingegriffen", gab sie zu.

"Na, das ist mal wieder typisch", meinte May. "Ich darf hier das

ganze Haus nach Wanzen durchwühlen, und du machst dich auf die Jagd.

Die Action findet mal wieder ohne mich statt, was?"

"Die Action? Ein Glück dass du nicht dabei warst!", warf Becky ein.

"Was bitteschön soll das jetzt wieder heissen?"

"Du hättest alles noch schlimmer gemacht! Wahrscheinlich hättest du

das ganze Haus gesprengt."

"Na Und?"

"Was heisst da, na und? Der Trick beim observieren ist es, unbemerkt

zu bleiben. Nicht, mitten rein zu spazieren."

"He, he, beruhigt euch", beschwichtigte Rally. Dann fuhr sie fort.

"Tut mir leid, Becky. Aber als Tanner so offen auf den Hauseingang

zuging, dachte ich, er sei Tom vielleicht nicht gewachsen. Und ich

glaube nicht, dass dein Auftraggeber noch an den Informationen

interessiert ist, wenn Tanner tot ist. Ausserdem hatte Tanner meinen

Wagen schon vorher erkannt."

"Dann nimm halt nicht den Cobra. Der ist für solche Sachen ja wohl

nicht geeignet. Und was Tanners Fähigkeiten betrifft: Weist du

wieviele der schon eingelocht hat? Der Kerl ist ein Profi!"

"Ja, *das* ist mir auch klar geworden. Aber Tom ist auch nicht gerade

langsam. Er ist viel besser, als es den Anschein macht."

"Also, nach allem, was ich im Polizeifunk mitgekriegt habe, hat

Tanner Tom ausgeschaltet, nicht du."

"Ja. Tanner hat ihm ein Messer ins rechte Handgelenk gerammt. Können

wir jetzt das Thema wechseln?"

Becky war anscheinend nicht einverstanden. Rally erkannte das. "Habt

ihr noch Wanzen gefunden, May?", fragte sie, bevor Becky einen

Einwand bringen konnte.

"Nein", antwortete May knapp.

"Nein?", fragte Rally überrascht.

"Wir haben ein paar gefunden", erklärte Ken, wobei er geflissentlich

Beckys Versuche, das Gespräch wieder an sich zu reissen, ignorierte.

"Aber bei allen waren die Batterien leer. Von der Leistung des

Senders und der Grösse der Batterie her geschätzt, würde ich sagen,

dass die Dinger nicht länger als zwei Wochen durchhalten."

"Hmmm, sind wohl zur kurzfristigen Überwachung gedacht", meinte

Rally.

"Und genau das macht mir Sorgen", fuhr Ken fort. "Misty hat nämlich

eine gefunden."

"Genau", sagte Misty nervös, und legte besagte Wanze auf den Tisch.

"Die hier klebte an der Ladentheke."

"Ich habe die Batterie abgetrennt", sagte Ken, "aber vorher war sie

noch aktiv. Es ist derselbe Typ, wie die anderen. Sie muss also

relativ neu sein."

"Die ist definitiv neu", meinte May. "Die Theke hab ich sicher drei

mal gründlich abgesucht. Die wäre mir nicht entgangen."

"Hmmm...", sagte Rally, und betrachtete die Wanze genauer. Es war

wirklich derselbe Typ wie diejenigen, die sie schon früher gefunden

hatten. "Hast du irgendwas bemerkt, Misty?"

Misty schüttelte den Kopf. "Vielleicht hat sie einer der Kunden

angebracht, aber ich habe nichts bemerkt."

"Einer der Kunden", echote Rally. "Könnte es sein..."
 

"Sagt mal, bin ich eigentlich Luft!?", rief Becky dazwischen.

"Schon gut, Becky, beruhige dich wieder", sagte Rally, und steckte

die Wanze ein. "So tragisch ist die Sache nicht. Tanner hat keinerlei

Anzeichen gegeben, dass er vermutet, ich sei wegen ihm dort gewesen.

Wahrscheinlich glaubt er, ich sei ebenfalls hinter Tom her gewesen."

"Das hoffe ich für dich", brummte Becky, gab sich aber zufrieden.

"Die Frage ist eher, wie weiter", fuhr Rally fort. "Ich habe keine

Anhaltspunkte mehr. Wie siehts bei dir aus?"

"Ich habe die Kreditkartennummer einem Insider gegeben. Aber noch

habe ich nichts zurück bekommen. Ausserdem habe ich von Tanners Narbe

eine Fotografie gemacht. Die zeige ich mal einem Doktor."

"Hm? Was denn für eine Narbe?", fragte May dazwischen, die sich nicht

an eine Narbe erinnern konnte.

"Tanner hat eine grosse Brandnarbe am linken Oberarm", erklärte

Rally. "Ach und Becky: Im Kampf hatte Tanner zwei Schläuche in der

Nase, die nach einem Atemgerät aussahen. Vielleicht hilft das auch

noch weiter."

Becky nickte. "Ja, das könnte helfen. Hoffentlich erbringt dass eine

Spur. Naja, vielleicht hast du ja auch mehr Glück als Verstand, und

Tanner kreuzt nochmals in deinem Laden auf."

"Ich denke schon", murmelte Rally. "Ich hab so das Gefühl, dass er

das tun wird..."

Wie ein Licht im Nebel

Die nächsten zwei Tage war es ruhig. Rally nutzte die Gelegenheit, um

Misty im Laden etwas einzuführen. Schliesslich konnte es gut sein,

dass sie nochmals gebraucht würde. May und Ken hatten einen

unverdächtigen Wagen aufgetrieben. May hätte lieber ihren Fiat 500

behalten, aber Ken befürchtete, dass Tanner diesen Wagen bereits

kennen könnte.
 

Am dritten Tag war es mit der Ruhe vorbei. Rally, sie hatte gerade

den Laden geöffnet, sah Tanners blauen Corsa vorfahren. Misty war

einkaufen gegangen. Rally und May mussten also selbst zurechtkommen.
 

"Guten Tag, Mister Tanner", begrüsste ihn Rally freundlich, als er

zur Tür hereinkam.

"Guten Morgen", erwiderte dieser. "Wie läuft das Geschäft?"

"Kommt drauf an, welches sie meinen", meinte Rally lächelnd.

"Jedenfalls würde ich das gerne sagen. Aber Tatsache ist leider, dass

im Moment beides nicht besonders läuft."

"Naja, vielleicht kann ich ja wenigstens beim Waffengeschäft etwas

nachhelfen. Bei der Auseinandersetzung mit Martin habe ich bemerkt,

dass ich mich zu sehr auf des Gewehr verlasse. Also habe ich meine

Pistolen wieder hervorgeholt. Könnten Sie sich die mal ansehen?"

"Natürlich."

Tanner holte eine SIG P210 aus einem Seitenhalfter unter der Jacke,

und eine SIG P226 aus einer Tasche, die links unterhalb seines linken

Knies befestigt war. Bei beiden entfernte er die Magazine, entlud

sie, und legte sie dann auf den Tisch. Rally nahm die P210, und

demontierte sie. Sie betrachtete die Bauteile eingehend.

"Sie haben ihr Gewehr ja heute gar nicht dabei", sagte sie, während

sie den Lauf untersuchte.

"Warum sollte ich?", fragte Tanner.

"Weiss nicht. Aber beim letzten mal hatten sie es unter der Jacke

versteckt."

"Ach ja. Ich habe vergessen, dass ich mich im Laden eines Profis

befinde", meinte Tanner schmunzelnd.

"Zuviel der Ehre", erwiderte Rally. "Die P210 ist jedenfalls in gutem

Zustand. Ich schau mir mal die 226er an."
 

Die P226 war, aufgrund ihrer einfachen Konstruktion schneller

überprüft. Auch hier fand Rally nichts zu beanstanden.

"Sind beide in gutem Zustand", sagte sie, nachdem sie auch die P226

wieder zusammengesetzt hatte. "Ich würde damit bedenkenlos auf die

'Jagd' gehen."

"Zuallererst brauche ich aber Munition", sagte Tanner. "Sie haben

doch welche?"

"9mm Luger? In allen Geschmacksrichtungen."

"Dann hätte ich gerne GECO Dynamit Nobel, wenn sie welche haben."

"Jede Menge. Die benutze ich selber. Wieviel denn?"

"Für den Anfang 500 Schuss. Damit habe ich mal etwas Vorrat. Und ich

würde gerne ihren Schiessstand benutzen."
 

Nachdem Tanner die verlangte Munition erhalten hatte, ging er zum

Schiessstand hinüber. Rally schaltete den Überwachungsmonitor ein,

und beobachtete, wie er mit den Waffen umging. Nachdem Tanner zwei

Übungsserien geschossen hatte, ging sie zum Nebenraum, wo May sass.

"Komm mal rüber", sagte sie, und ging wieder zum Monitor. May folgte

ihr.

"Wer ist den im Schiessstand?", fragte May, als sie erkannte, das

Rally auf den Monitor schaute.

"Tanner", antwortete Rally knapp.

"Echt?" May lief ebenfalls zum Monitor. "Wie schlägt er sich denn?"

"Ganz gut. Er hat auf jeden Fall schon mit den Waffen trainiert."

Tanner hatte gerade eine weitere Übungsserie abgeschlossen, und liess

die Scheibe zurückkommen. Die Einschusslöcher waren zwar nicht so

nahe beisammen, wie May das von Rally gewohnt war, aber das Resultat

konnte sich durchaus sehen lassen.

"Hmmm... Scheint so, als könnte er nicht nur mit einem Gewehr

umgehen", meinte May.

Tanner schoss noch ein paar Serien. Dann war er mit dem Ergebnis

offenbar zufrieden. Er steckte die Waffen ein, und kam in den

Verkaufsraum zurück.

"Oh. Guten Tag Miss Hopkins", sagte er, als er May erblickte.

"Guten Tag. Wie liefs denn?", fragte May.

"Gar nicht schlecht. Muss wieder etwas in Übung kommen. Aber jetzt

wollen wir erstmal abrechnen."

"Selbstverständlich", meinte Rally, und holte die entsprechenden

Formulare hervor. "Und May, ich glaube, du hast was anderes zu tun,

nicht?"

"Bin schon unterwegs", sagte May in seltenem Enthusiasmus, und

verschwand wieder im Nebenzimmer.
 

May hatte tatsächlich etwas anderes zu tun. Sie verschwand durch den

Hinterausgang, und ging zum etwas abseits geparkten Ford Sierra, den

Ken für die Verfolgung ausgewählt hat. Wie üblich hatte May den Wagen

präpariert, so dass sie ihn trotz ihrer Kleinwüchsigkeit fahren

konnte. Vom Wagen aus beobachtete sie den Laden. Sie brauchte nicht

lange zu warten. Nach kurzer Zeit kam Tanner heraus, und fuhr mit

seinem Wagen davon. May heftete sich auf seine Fersen.
 

"Das ist ein interessanter Fall, Miss Farrah", sagte der Arzt.

"Was ist es denn genau?", fragte Becky.

Der Arzt legte die Aufnahme, die ihm Becky gegeben hatte, auf den

Tisch.

"Verbrennungen zweiten bis dritten Grades. Noch nicht all zu lange

her. Von der Vernarbung her würde ich sagen, dass der Arm eine Weile

lang unter oder in einem brennenden Gegenstand eingeklemmt war. Aber

das ist mehr Spekulation, als ein Befund."

"Sie meinen also, es sei ein Brand gewesen?"

Der Arzt nickte, und zeigte auf das Foto. "Sehen Sie. Der Rand der

Verbrennung ist fliessend. Hätte man ihn gefoltert oder sonstwie

absichtlich verbrannt, wäre eine scharfe Abgrenzung zwischen

verbrannter und nicht verbrannter Haut sichtbar. Nur hier ist ein

Streifen sichtbar, wo die Haut weniger verbrannt ist. Möglicherweise

ist hier ein Balken aufgelegen."

"Verstehe", sagte Becky. "Das würde vermutlich auch erklären, warum

er ein Atemgerät benutzt, wenn er etwas Anstrengendes unternimmt."

"Ist gut möglich. Wenn er tatsächlich in einen Wohnungsbrand oder

etwas ähnliches verwickelt war, dann hat er vermutlich eine

Rauchvergiftung und möglicherweise ein Hitzetrauma erlitten. Bei

anstrengenden Tätigkeiten kann die Lunge dann das Blut nicht mehr mit

genügend Sauerstoff versorgen. Das Inhalieren von Luft mit hohen

Sauerstoffanteil ist eine häufige Therapie in solchen Fällen. Wenn er

es allerdings ausschliesslich dazu braucht, um anstrengende

Tätigkeiten auszuführen, ist es äusserst ungesund."

"Ich glaube nicht, dass er auf sie hören wird. Aber danke für die

Auskunft."

"Ach, ich könnte doch niemandem einen medizinischen Ratschlag

vorenthalten."

Den Beisatz, "jedenfalls nicht bei der Bezahlung", sprach er nicht

aus. Aber Becky kannte ihn auch so.

"Eine Frage hätte ich noch", sagte Becky. "Sie sagten, die Narbe sei

noch nicht all zu alt. Wie alt schätzen sie denn?"

Der Arzt überlegte einen Augenblick. "Zu lange kann es nicht her

sein. Die Narbe ist noch relativ frisch. Drei oder vier Monate

vielleicht. Sechs Monate, wenn seine Haut langsam verheilt. Aber auf

keinen Fall länger." Becky nickte. "Danke. Ich werd mal sehen, ob ich

damit etwas anfangen kann."
 

May verfolgte Tanner. Wie Becky es ihr gesagt hatte, fuhr sie ihm

sehr vorsichtig hinterher. Sie war sich ziemlich sicher, dass Tanner

sie noch nicht bemerkt hatte. Tanner seinerseits machte es ihr aber

auch einfach. Er fuhr hauptsächlich über dicht befahrene Strassen.

Anscheinend rechnete er nicht mit einer Beschattungsaktion. Als

Tanner seinen Wagen aber in der Innenstadt einparkte, kam May etwas

in Bedrängnis, denn natürlich war weit und breit kein anderer

Parkplatz frei. Ausser einem gerade neben dem, den Tanner gerade

benutzt hatte. May liess es drauf ankommen. Sie drehte eine Runde um

den Block, so dass Tanner ausgestiegen war, als sie zurückkam. Sie

schaffte es, den Wagen in die letzte Parklücke zu setzen, ohne das

Tanner etwas zu bemerken schien. Der ging einfach von seinem Wagen

weg, und verschwand hinter der nächsten Ecke. May schnappte sich die

Kamera, die sie für solche Fälle im Handschuhfach deponiert hatte,

und folgte ihm. An der Kreuzung sah sie vorsichtig um die Ecke. Die

Querstrasse war sehr belebt. Trotzdem konnte May Tanner rasch

ausmachen. Er hatte die Strasse überquert, und ging nun zu einem

Kiosk auf der anderen Seite. Ein Mann in einem schwarzen Anzug stand

dort vor dem Zeitungsständer. Tanner beachtete in anscheinend nicht,

aber an den Lippenbewegungen konnte May erkennen, dass die beiden

sich durchaus unterhielten, ohne sich aber anzusehen. May schoss ein

paar Fotos von den beiden. Dann ging sie selbst so rasch wie möglich

über die Strasse, und schlich sich an den Kiosk heran.

"Wie weit ist er denn schon?", hörte sie Tanner fragen.

"Ziemlich weit. Er sucht schon die Standorte aus", sagte der Andere.

"Viel zu früh. Warum eilt es ihm so?"

"Nach allem, was ich weiss, steht er ziemlich unter Druck."

"Diese Idioten. Das macht alles komplizierter. Auf jeden Fall müssen

wir unseren Terminplan beschleunigen. Sonst hat er schon zuviel

Macht, wenn wir eingreifen."

"Ja. Der Boss hat bereits eine Besprechung angeordnet."

"Wie lautet der Code?"

"Brief 257"

"Ich werde da sein."

Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, entfernte sich Tanner wieder vom

Zeitungsstand. Er ging nicht direkt zu seinem Wagen zurück. May

folgte ihm unauffällig, um zu sehen, ob er vielleicht an einen Ort in

der Nähe wolle. Aber Tanner umrundete lediglich den Block, und stieg

dann wieder in den Wagen. May wartete, bis Tanners Wagen aus der

Parklücke fuhr. Dann stieg sie selber ein, und nahm die Verfolgung

wieder auf.
 

Becky sass vor ihrem Computer. Sie durchforstete verschiedene

Datenbanken nach aussergewöhnlichen Brandfällen in Europa innerhalb

der letzten drei bis sechs Monate. Was sie fand, ermutigte sie nicht

gerade. Es gab eine ungeheure Anzahl ungeklärter Fälle, und es war

nicht gerade leicht, die banalen von den wirklich interessanten zu

trennen. Becky hatte gerade eine Datenbank der italienischen

Kriminalpolizei angezapft, und eine Suchabfrage abgesetzt, als das

Faxgerät sich meldete. Die Nachricht kam über den Scrambler, einem

Verschlüsselungsgerät für Faxe. Sie war also definitiv wichtig. Becky

schaute sich die Seiten an, die nach und nach ausgespuckt wurden. Sie

stammten vom Insider, den sie auf Tanners Kreditkartennummer

angesetzt hatte. Sie machte sich eine mentale Notiz, ihm mal wieder

eine Gefälligkeit zukommen zu lassen. Einen 'Maulwurf' in einem

derart neuralgischen Informationszentrum zu haben, war einfach

unbezahlbar.

"Gute Arbeit, mein Junge", murmelte Becky, als sie die Seiten

durchsah.

Die Informationen waren wichtig genug, um ein neues Treffen mit Rally

zu vereinbaren. Aber erst wollte Becky sehen, was die

Datenbankabfrage gebracht hatte. Sie setzte sich wieder an den

Computer. Die Ergebnisse kamen gerade herein. Als Becky die Einträge

durchsah, fiel ihr etwas auf. Sie startete die Abfrage erneut,

diesmal mit einem zusätzlichen Kriterium: Vermutete Beteiligung eines

nicht italienischen Syndikats. Und sie staunte nicht schlecht

darüber, was dabei herauskam.
 

Eine halbe Stunde später klingelte bei Rally im Laden das Telefon.

Misty, die gerade im Nebenraum war, nahm den Hörer ab.

"Oh, Hallo Becky", sagte sie.

"Tag Misty", antwortete Becky. "Sag mal, könnt ihr heute Abend wieder

ein Treffen einrichten?"

"Von mir aus kein Problem, aber da musst du Rally fragen. Ich hol sie

mal."

"Danke"

Misty legte den Hörer auf den Tisch, und ging in den Verkaufsraum, wo

Rally auf zu bedienende Kunden wartete.

"Da ist jemand für dich am Telefon", sagte Misty.

Das war ein Code für "Becky am Apparat". Rally reagierte

dementsprechend schnell.

"Ich komme", sagte sie. "Übernimm doch bitte kurz den Laden."

"Okay", sagte Misty, und schnappte sich eine Schürze vom Gestell.

Derweil ging Rally in den Nebenraum, und nahm den Hörer wieder auf.

"Ja?", fragte sie.

"Bist du das, Rally?"

"Leibhaftig"

"Sehr witzig. Hör zu, ich hab einen Haufen neuer Informationen.

Können wir uns heute Abend treffen?"

"Sicher. Allerdings ist May gerade auf Tour. Ich weiss nicht, wie

lange das noch dauern wird."

"Dann soll sie halt später kommen. Das Zeug hier ist

hochinteressant."

"Schon gut, ich hab verstanden. 8 Uhr?"

"Wäre ideal."

"Okay, wir sehn uns dann."

"Bis später."

Rally legte auf. Becky hatte sehr aufgeregt geklungen. Allem Anschein

nach würde sie heute Abend ein paar nette Details über Tanner

präsentieren. Gut Gelaunt ging Rally in den Verkaufsraum zurück.

Misty war dort gerade dabei, mit einem Kunden die Formulare für einen

Waffenkauf auszufüllen. Rally riskierte einen Blick auf die Papiere.

Die Waffe, welche der Kunde kaufen wollte, kostete über 800 Dollar.

"Sag mal", fragte sie Misty, als der Kunde gegangen war, "wie kommt

es eigentlich, dass die guten Kunden immer genau dann kommen, wenn du

an der Theke stehst?"
 

May verfolgte Tanner weiter. Tanner seinerseits fuhr einen äusserst

seltsamen Kurs kreuz und quer durch die Stadt. May war sich nicht

ganz sicher, ob er eventuelle Verfolger abschütteln wollte, oder ob

er schlicht den Weg nicht kannte. In Gedanken versunken entging ihr

beinahe, dass Tanner wieder in eine Seitenstrasse eingebogen war. May

folgte ihm, und fand sich unvermittelt auf einer Landstrasse am

Stadtrand wieder.
 

Tanner war in letzter Zeit häufiger beschattet worden. Daher hatte er

es sich zur Gewohnheit gemacht, regelmässig in den Rückspiegel zu

schauen. Die Tatsache, das seit einiger Zeit jedesmal ein weisser

Ford zu sehen war, schien ihm seltsam, selbst wenn er bedachte, dass

diese Wagen relativ häufig waren. Auch als er ein paar sinnlose

Abbieger innerhalb der Stadt machte, änderte es sich nicht.

Schliesslich fuhr er auf eine Landstrasse, um sich Gewissheit zu

verschaffen. Und tatsächlich folgte ihm, in sicherem Abstand, genau

so ein weisser Ford, wie er ihn schon die ganze Zeit gesehen hatte.

"Dacht ichs mir doch!", sagte Tanner. "Hartnäckig ist sie ja, muss

ich schon sagen."

Dann trat er das Gaspedal durch.
 

"Scheisse, er hat mich entdeckt!", dachte May, als Tanners Wagen

plötzlich beschleunigte. Aber so leicht wollte sie denn doch nicht

aufgeben: Sie beschleunigte ebenfalls, und nahm die Verfolgung auf.

"Unsere Motoren sind etwa gleich stark", dachte sich May. "Es kommt

also völlig aufs Fahrgeschick an... leider."

Mays leise Selbstkritik schien aber fehl am Platz, denn sie konnte

Tanner mühelos folgen. Tanner bemerkte dies. Er fuhr in ein

nahegelegenes Waldstück. Vermutlich wollte er dort May abschütteln.

Das Waldstück verfügte über viele Kreuzungen, die darüber hinaus

relativ nahe beieinander lagen. Tanner steuerte auf die erste

Kreuzung zu, bremste scharf, hinterliess dabei zwei Bremsstreifen,

drehte scharf nach links, und beschleunigte wieder, wobei die Räder

durchdrehten. May waren die blockierenden Räder beim Bremsen, sowie

die durchdrehenden Räder beim Beschleunigen nicht entgangen.

"Haha! Du hast weder ABS noch Traktionskontrolle!", rief sie. "Jetzt

komme ich!"

Tatsächlich war Mays Ford mit beidem ausgerüstet. Und das ermöglichte

ihr ein perfektes Bremsen und Beschleunigen ohne grosse Mühe. Gerade

auf der Landstrasse, mit eingeschränkter Strassenhaftung, ein nicht

zu unterschätzender Vorteil. Und den bekam Tanner jetzt zu spüren. Er

bog noch einmal scharf ab, ohne dass dies May beeindruckte. Dann noch

zwei mal direkt hintereinander. Aber May war zu schnell an der ersten

Kreuzung, und sah ihn, ehe er um die zweite biegen konnte. Tanner

wurde klar, dass er seine Verfolgerin so nicht abschütteln konnte.

Also änderte er seine Taktik. Er fuhr ein Stück lang geradeaus, dann

bog er wieder rechts ab. May folgte ihm natürlich unverzüglich, aber

als sie um die Ecke bog, war von Tanners Wagen nichts zu sehen. In

einiger Entfernung war eine weitere Kreuzung, aber May konnte sich

nicht erklären, wie Tanner so schnell dahin kommen konnte. Sie fuhr

auf die Kreuzung, und bremste scharf. Sie schaute nach links und nach

rechts, aber auf beiden Seiten war keine Spur von Tanner zu sehen,

obwohl auf beiden Seiten lange Zeit keine Kreuzung mehr kam. May

schaute nach hinten, aber es gab keine Anzeichen, das Tanner ins

Gestrüpp gefahren wäre. Schliesslich schaute sie wieder nach vorn.

Ein Stück weiter war eine Biegung.

"Das ist doch nicht möglich", sagte May leise.

Trotzdem fuhr sie den Wagen um die Biegung. Die Strasse führte aus

dem Wald über freies Feld zurück in die Stadt. Auf der Strasse konnte

sie, schon ziemlich weit entfernt, einen blauen Wagen ausmachen. Ein

Blick durch den Feldstecher brachte die Bestätigung: Es handelte sich

um Tanner.

"Wie hat er das nur gemacht?", fragte sich May, als sie sich

frustriert in den Sitz zurückfallen liess.
 

"Er ist also davongekommen", resümierte Becky wenig überrascht.

"Tja", gestand May. "Keine Ahnung, wie er das gemacht hat. Sein Wagen

muss wesentlich stärker beschleunigt haben, als dies für einen Corsa

normalerweise möglich ist."

"Wahrscheinlich hat er einen Turbo eingebaut", erklärte Rally.

"Schneller wird er damit zwar nicht, aber er kann die

Höchstgeschwindigkeit wesentlich schneller erreichen."

Becky, May und Rally sowie Misty waren in Rallys Wohnung, um die

Resultate ihrer Nachforschungen zu zeigen.

"Hat die Beschattung wenigstens sonst was gebracht?", fragte Becky.

"Naja, Tanner hat sich in der Stadt mit einer verdächtig aussehenden

Person getroffen. Aber ich habe nur einen Teil des Gesprächs

mitbekommen. Es ging um irgend eine Person, die offensichtlich etwas

plant, und die gestoppt werden müsse, bevor sie zu mächtig würde. Ich

hatte den Eindruck, dass Tanner und jener Mann Kollegen sind."

"Seltsam. Weisst du irgendwas über eine grosse Sache, Becky?", fragte

Rally.

"Etwas grosses? Nein", sagte Becky überrascht. "Aber ich habe in

letzter Zeit ja auch nicht in diese Richtung ermittelt. Hast du ein

Foto, May?"

"Hier! Frisch aus dem Schnellentwicklungslabor!", rief May

triumphierend.

"Wunderbar! Ich wusste doch, es lohne sich, dich in der Kunst der

Beschattung zu unterweisen", freute sich Becky.

Doch als sie die Fotos in die Hände bekam, änderte sich ihr Stimmung

wieder.

"Die sind aber unscharf", meinte sie etwas verärgert.

"Sorry. Vielleicht solltest du mich auch in der Kunst der Fotografie

unterweisen."

Becky ging nicht weiter darauf ein, sondern schaute die Fotos durch.

So unscharf waren sie nun auch wieder nicht. Man konnte immer noch

Details erkennen, wie zum Beispiel... Becky stutzte.

"Hast du mal eine Lupe, Rally?", fragte sie.

"Klar", antwortete Rally, und gab Becky eine Leselupe, welche sie

einst gekauft, aber nie im Leben benutzt hatte.

Becky schaute sich zwei der Fotos mit der Lupe nochmals genauer an.

Dann legte sie Fotos und Lupe auf den Tisch. Ihr Gesichtsausdruck

verhiess nichts gutes.

"Der Mann, mit dem sich Tanner unterhielt, hatte eine kleine

Anstecknadel in Form einer Rose auf der rechten Brust. Das muss

nichts heissen, aber... Es wird gerne als Erkennungszeichen

verwendet, und zwar von Vectors Leuten."

"Nicht doch!", rief May.

"Tanner ein Angestellter Vectors?!", rief Rally.

Misty, welcher der Name nichts sagte, wunderte sich über die

entsetzten Gesichtsausdrücke Rallys und Mays. Sie hatte nicht den

Eindruck, dass die Geschichte einen Weg nahm, der ihr gefiel.

"Ich glaube nicht", sagte Becky nach einigem Zögern. "Ich glaube

nicht, das Tanner ein normaler Angestellter Vectors ist. Sie würden

sich sonst nicht so treffen. Wahrscheinlich ist Tanner ein

'externer'. Ein angeheuerter Mitarbeiter. Sein Hintergrund weist

ebenfalls darauf hin."

"Sein Hintergrund?", fragte Misty, die bis dahin stumm gewesen war.

Becky schaute kurz überrascht in Mistys Richtung, dann begann sie zu

erklären:

"Ich habe die Fotografie von Tanners Brandnarbe einem Doktor gezeigt.

Der war der Meinung, dass Tanner kürzlich in einen Brand geraten sei.

Also habe ich im fraglichen Zeitraum mal alle ungeklärten Brände in

Europa abgesucht. Das waren natürlich ziemlich viele, Aber eine Reihe

ist mir dann aufgefallen: Es gab mehrere Dutzend Brände, in denen die

Beteiligung eines Syndikats vermutet wurde. Dieses Syndikat hatte

sich anscheinend auf Mord durch Brandstiftung spezialisiert. Mehr

noch: Alle Anschläge waren gegen mutmassliche Mafiamitglieder

gerichtet. Es kann natürlich ein Zufall sein, aber wenn Tanner ein

Opfer eines solchen Anschlags war, dann hätte er auf jeden Fall Grund

genug, hierher zu flüchten."

"Das wird ja immer besser", brummte Rally. "Aber warum glaubst du

dann, dass er kein fest Angestellter Vectors ist?"

"Vectors fest Angestellte sind ausnahmslos Leute, die er bereits seit

Jahren kennt. In seiner Organisation herrscht ein grosses,

gegenseitiges Vertrauen, dass macht sie so stark. Ich bezweifle, dass

Vector Tanner gegenüber ein genug grosses Vertrauen aufbringt, um ihn

gleich fest einzustellen. Aber ich kann mir vorstellen, warum Tanner

mit Vector zusammenarbeitet. Wenn er tatsächlich wegen einer

Streitigkeit zwischen Syndikaten fliehen musste, hat er jetzt

möglicherweise einen Hass auf die Mafia. Und Vectors Syndikat ist

insofern speziell, als dass es von den Streitereien der anderen

Syndikate lebt. Auch bei den Fällen, die er als Kopfgeldjäger

angenommen hat, ist er sehr wählerisch. Es waren alles Fälle von

Leuten, bei denen Verbindungen zu einem Syndikat vermutet wurden."

Die vier Frauen lehnten sich zurück, und liessen sich die Sache durch

den Kopf gehen.

"Seltsamer Typ", sagte Misty schliesslich.

"Kann man wohl sagen", bestätigte May.

"Je mehr Indizien zusammenkommen, desto mysteriöser wird der Kerl",

sagte Rally. "Hast du sonst noch irgendwas, Becky?"

"Naja, etwas habe ich noch. Wegen der Kreditkarte habe ich zwei Dinge

rausbekommen. Erstens: Er hat die Kreditkarte noch nie benutzt.

Ausser in deinem Laden, meine ich. Verstehe dass wer will. Und das

zweite: Ich habe jetzt seine Adresse."

Rally setzte sich ruckartig auf.

"Du hast was!?", rief sie.

"Seine Adresse", wiederholte Becky grinsend.

"Du hast dir das bis zum Schluss aufgespart, nicht wahr?", meinte

May.

Becky sagte nichts, und holte nur den Insiderbericht hervor. Darauf

stand tatsächlich Tanners Adresse.

"Ich war heute mal kurz dort, und hab ihn gesehen, wie er seinen

Wagen in die Garage fuhr. Er wohnt also tatsächlich dort."

"Na das ist doch endlich mal was", freute sich Rally. "Misty, ich

hoffe, du hast dein Handwerk noch nicht verlernt."

"Willst du bei ihm einbrechen?", fragte Misty.

"Nicht doch, ich will ihn besuchen", meinte Rally. "Nur eben dann,

wenn er nicht zuhause ist."

Enthüllungen

Bevor Misty von Rally aufgenommen wurde, war sie eine berüchtigte

Diebin. Ihre Spezialität war das Schlösserknacken. Sie war dafür

bekannt, dass im Haus praktisch nichts auch nur auf einen Einbruch

hinwies. Misty versuchte eigentlich, dieses Kapitel ihres Lebens zu

vergessen. Aber gelegentlich half sie Rally beim "inspizieren von

potentiellen Verstecken". So auch diesmal.
 

Rally ging das ganze routiniert an. Sie und May waren über

Funk-Headsets miteinander in Verbindung. May hatte einen

Beobachtungsposten bezogen, Rally und Misty warteten in der Nähe. Das

bedeutete zwar, dass sie den Laden schliessen mussten, aber Rally

wollte sich diese Gelegenheit um nichts in der Welt entgehen lassen.

Sie warteten schon eine ganze Weile. Rally hatte kurz die Beobachtung

übernommen, damit May etwas zu Mittag essen konnte. Danach hatte sie

für sich und Misty ebenfalls ein paar Sandwichs und etwas Kaffee

geholt. Sie waren noch mit essen beschäftigt, als May sich meldete:

"Rally? Tanner hat gerade das Haus verlassen."

Rally schluckte einen Bissen herunter. Dann fragte sie:

"Bist du sicher?"

"Absolut. Er hat seinen blauen Corsa benutzt. Und ich habe seine

Silhouette erkannt."

"Mmmm... Naja, was solls. Wir gehen."

Hastig packten Rally und Misty die Sandwichreste weg. Wehleidig

blickend schüttete Misty den Kaffee den nächsten Gulli hinunter.

"Der ist kalt, bis wir zurück sind", erklärte sie.

"Lässt sich nicht ändern", meinte Rally.

Dann machten sie sich auf den Weg.
 

Tanners Wohnung war in einem unauffälligen Wohnblock. Die Haustür war

zwar verschlossen, konnte Mistys Dietrichen aber keinen nennenswerten

Widerstand entgegensetzen. Sie fanden keine Wohnung mit Tanners Namen.

Die Tür im zweiten Stock war aber als einzige nicht beschildert. Misty

betrachtete sie genauer.

"Soso. Dafür, dass die Wohnung unbenutzt ist, wurde die Tür in

letzter Zeit aber recht häufig geöffnet", meinte sie, nachdem sie

einen Blick auf Türklinke und Boden geworfen hatte.

Dann legte sie Latexhandschuhe an, und untersuchte die Türschlösser.

Es waren insgesamt deren vier. Während sie beschäftigt war, streifte

sich auch Rally Handschuhe über.

"Hmmm. Automatische Schlösser. Standardfabrikate. Mittlerer

Schwierigkeitsgrad. Ganz gut... Aber nicht gut genug."

Sie begann, die Schlösser, eines nach dem anderen, zu öffnen. Als sie

das letzte geschafft hatte, zog sie die Tür einen kleinen Spalt weit

auf.

"So, jetzt brauche ich den Spiegel, und den Stock", sagte sie zu

Rally.

Rally hatte beides auf Wunsch von Misty mitgenommen. Sie hatte sich

zwar darüber gewundert, aber Misty hatte nur gemeint, sie brauche

diese Dinge, wenn sie bei einem Profi einbrechen sollte. Misty

demonstrierte nun, wozu sie dienten. Sie führte den Spiegel, der an

einem Draht befestigt war, durch den Spalt in der Türe, und nutzte

ihn so als Periskop. Vorsichtig drehte sie ihn ein wenig, um einen

Rundumblick des Raumes zu erhalten.

"Dacht ichs mir doch", sagte sie triumphierend. "Big Brother links

neben der Tür."

Was sie damit meinte, war eine Überwachungskamera. Sie nahm den Stock

zur Hand. Der 'Stock' war eine Teleskopstange, die sich auf eine

Länge bis zu zehn Metern ausziehen liess. Damit konnte Misty auch

weit entfernte Kameras erreichen. In diesem Fall war die Kamera

allerdings gerade mal zwei Meter entfernt, was nicht das geringste

Problem darstellte. Vorsichtig, und mit Hilfe des Spiegels, führte

Misty den Stock zur Kamera, und drückte diese nach oben.

"Schiess mal ein paar Aufnahmen von der Decke", meinte Misty.

Dann öffnete sie die Tür vollständig, und sie und Rally gingen

hinein. Sie schauten sich um. Die Wohnung war nicht all zu gross.

Gleich hinter der Tür war ein relativ grosser Raum, der wohl

gleichzeitig als Wohnzimmer wie auch als Arbeitszimmer diente.

Daneben gab es eine kleine Küche, und ein separates Zimmer, welches

sich Tanner mittels Bett und Kleiderschrank als spartanisches

Schlafzimmer eingerichtet hatte. Das Wohn- und Arbeitszimmer war

wesentlich ausführlicher möbliert. Zunächst einmal fiel der Computer

auf. Es war eines jener Modelle, welche für Anfänger ausgelegt waren,

und passte farblich überhaupt nicht zum Rest der Ausstattung. Daneben

stand ein Fernsehgerät mit Stereoanlage und Videorekorder. Der

Videorekorder lief. Vermutlich zeichnete er nun Aufnahmen aus dem

aufregenden Leben einer Stubenfliege an der Decke auf, was

allerdings wohl auch nicht viel langweiliger war als das

Fernsehprogramm. Auf einem grossen Tisch schliesslich stand eine gut

ausgebaute Lötstation. Ganz offensichtlich war Tanner durchaus im

Fach der Elektronik bewandert. Ein Gestell in einer Ecke, welches

lauter Schubladen enthielt, weckte das Interesse der beiden. Zur

ihrer Enttäuschung waren die meisten Schubladen allerdings leer,

enthielten elektronische Bauteile, oder Papiere, von welchen Becky

schon längst eine Kopie besass. In der rechten unteren Ecke fand

Rally schliesslich etwas interessantes: Die Schublade war

vollgestopft mit diversen elektronischen Geräten.

"Was haben wir denn da", sagte sie vor sich hin. "Wanzen,

Kleinstkameras, elektronische Stetoskope... Alles für den kleinen

Abhörer. Und die Bauweise der Wanzen kommt mir doch sehr bekannt

vor."

Auch Misty erinnerte sich. Eine solche Wanze, wie sie in dieser

Schublade war, hatte sie vor kurzem im Laden gefunden.
 

Als sie die linke Schubladenreihe untersuchten, stiessen sie noch auf

Richtmikrofone, ein paar weitere Geräte, deren Zweck Rally nicht

erkennen konnte, sowie einen Funkempfänger. Ein zweites Exemplar, so

erkannte Rally jetzt, war an der Stereoanlage angeschlossen.

Anscheinend verwendete Tanner diese nicht nur, um entspannende Musik

zu hören. In einer der Schubladen schliesslich befand sich eine

schwarze Metallschatulle. Diese war, wie Misty schnell erkannte, von

der Innenseite her mit der Schublade verschraubt. Desweiteren war die

Schublade so gefertigt, dass sie sich nicht vollständig aus dem

Gestell entfernen liess.

"Ohne brachiale Gewalt kann man die nicht mitnehmen", sagte Misty.

Dann strich sie mit der Hand über die Oberfläche, klopfte an

verschiedenen Stellen, schaute aus verschiedenen Blickwinkeln darauf,

und betrachtete schliesslich das Schloss genauer. Es vergingen einige

Minuten, bis sie endlich etwas sagte:

"Gute Arbeit. Die Schatulle ist vermutlich aus mehrwandigem

Edelstahl. Man muss schon mit grobem Geschütz kommen, um den zu

durchtrennen. Ich glaube nicht, dass der Inhalt das überleben würde.

Ausserdem ist die Schatulle anscheinend verkabelt. Wahrscheinlich

durch den Boden der Schublade. Wenn die Kabel durchtrennt werden,

löst das wohl irgend einen Alarm aus."

"Und das Schloss?", fragte Rally.

"Eine echte Herausforderung", sagte Misty, und zückte grinsend ihr

Spezialwerkzeug. Es waren nicht die üblichen Dietriche. Misty machte

sich damit an die Arbeit. Vorsichtig, aber offensichtlich gut

gelaunt, stocherte sie mit den Werkzeugen im Schloss.

"Kommst du voran?", fragte Rally nach einigen Minuten.

"Geht schon. Aber ich brauche noch etwas Zeit", meinte Misty.

Wieder vergingen einige Minuten. Da meldete sich auf einmal May:

"Rally, er kommt zurück. Er war nur kurz weg."

"Verstanden. Behalt ihn im Auge", sprach Rally ins Headset. Dann

wandte sie sich an Misty: "Tanner kommt zurück. Beeil doch, oder lass

es bleiben."

"Ich habs gleich", sagte Misty.

Sie wusste, dass es nur noch eine Frage von Sekunden sein konnte. Und

sie wollte zumindest wissen, was in der Schatulle drinn war.

"Ich habs gleich", sagte sie nochmals...

Das Schloss klickte. Aber es klickte nicht so, wie Misty es erwartet

hatte. Daher wusste sie sofort, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

Aber es war bereits zu spät. Die Schublade fuhr mit Gewalt zu, und

klemmte Mistys rechte Hand ein. Es knackste bedenklich. Misty wollte

schreien, aber Rally hielt ihr geistesgegenwärtig die Hand vor den

Mund. Erst, als Misty den Impuls überwunden hatte, nahm Rally die

Hand wieder weg.

"Sorry Misty", sagte Rally.

"Schongutbittemachdieschubladeaufdastutweeeeh", wimmerte Misty leise.

Rally zog an der Schublade, aber der Motor, der in die andere

Richtung zog, war stark. Erst, als sie ihr Knie gegen das Gestell

stemmte, gelang es ihr, die Schublade ein Stück weit zu öffnen. Misty

zog die Hand heraus, und Rally liess los. Die Schublade schloss sich

mit einem Knall. Misty betrachtete kurz ihre lädierte Hand. Selbst

durch den halbdurchsichtigen Handschuh hindurch konnte sie eine rote

Linie auf beiden Seiten erkennen. Dann fiel ihr etwas ein:

"Das Werkzeug ist noch in der Schublade", sagte sie.

Rally zog kurz daran, aber die Schublade war nun fest verschlossen.

"Keine Chance, da komm ich jetzt nicht ran", sagte sie.

Ihre Hand fuhr zur Sprechtaste des Headsets.

"May! Wo ist er jetzt?", fragte sie.

"Tanner ist bereits im Treppenhaus. Seit ihr etwa noch da drinn?"
 

Tanner schloss die Tür auf, und betrat seine Wohnung. Er hatte ein

paar Besorgungen gemacht, und wollte sie gerade in der Küche abladen,

als ihm auffiel, dass der Motor der Schublade mit der Kassette

surrte. Erstaunt stellte er die Tüten auf seinem Arbeitstisch ab, und

griff in eine Tasche auf der Innenseite seiner Jacke, von wo er eine

Fernsteuerung heraus holte. Ein Tastendruck später hörte das surren

auf. Tanner öffnete die Schublade. Darin fand er zwei feinmechanische

Werkzeuge. Er kannte sich auf diesem Gebiet zwar nicht aus, aber es

war ihm klar, dass sie dazu gedacht sein mussten, Schlösser zu

knacken. Also setzte er sich vor seinen Fernseher, spulte das Band

etwas zurück, und sah es sich an.

"Miss Vincent", sagte er nach einer Weile. "An ihrer Stelle würde ich

allmählich aus dem Wandschrank kommen. Im Übrigen wäre es, glaube

ich, besser, wenn ich mal einen Blick auf die Hand ihrer Freundin

werfen würde. Der Motor in der Schublade ist ziemlich stark."

Rally wusste, wann sie geschlagen war. Missmutig öffnete sie den

Schrank, und ging ins Arbeitszimmer hinüber. Das Headset hatte sie

abgenommen, zusammengeklappt, und in einer Jackentasche verstaut.

Tanners Gesichtsausdruck zeigte weder Triumph noch Genugtuung noch

Verärgerung. Das Fernsehbild demonstrierte zumindest, warum sie

aufgeflogen waren. Aufgrund des Bildwinkels erkannte Rally, dass die

Aufnahme unmöglich aus dem Eingangsbereich heraus gemacht sein

konnte. Sie blickte nach oben, und fand zwischen Wand und Decke gut

versteckt eine Kleinstkamera.

"Sie haben also zwei Kameras", meinte sie resigniert.

"Nein, nur eine. Die im Eingang ist eine Attrappe", korrigierte

Tanner.

"Genau wie das Schloss, nicht wahr?", fragte Misty, die mittlerweile

nachgekommen war.

"Bitte?", fragte Tanner.

"Das Schloss der Schatulle", erklärte Misty. "Es ist eine Falle,

nicht wahr? Man kann die Schatulle dort nicht öffnen."

"Gut erkannt", sagte Tanner anerkennend. "Nur etwas spät, wie mir

scheint. Na, kommen Sie mal mit."

Tanner ging zur Küche hinüber, und setzte sich an den Esstisch. Mit

einer Handbewegung hiess er Misty, sich ihm gegenüber zu setzen.

Misty tat dies, und legte anschliessend die verletzte Hand auf den

Tisch. Tanner zog vorsichtig den Handschuh von Mistys Hand, was nicht

ganz einfach und auch nicht ganz schmerzfrei war, zumal der Handschuh

sehr eng anlag. Dann drückte er an verschiedenen Stellen leicht auf

die Handfläche.

"Sind Sie denn gar nicht wütend?", fragte Rally.

"Ach, ich dachte mir schon, dass die früher oder später hier

aufkreuzen würden. Nur das es so schnell gehen würde, dass überrascht

mich zugegebenermassen ein wenig."

An der nächsten Stelle, an der Tanner drückte, gaben die Knochen

etwas nach. Misty zog vor Schmerz die Luft ein.

"Tja, die ist gebrochen", sagte Tanner. "Miss Vincent. Seien sie doch

so nett, und holen sie meinen Erste Hilfe Koffer. Er ist im Gestell

im Arbeitszimmer, in der Schublade ganz oben links."

"Öh, ja klar", antwortete Rally.

Sie ging zum Gestell hinüber, und holte das Gewünschte. Dabei fragte

sie sich, was Tanner eigentlich für ein Spiel mit ihnen trieb. Ahnte

er tatsächlich schon, dass sie kommen würden? Und falls ja: warum?

Und warum rief er nicht die Polizei, oder schmiss sie zumindest aus

der Wohnung? Als sie mit dem Koffer in die Küche zurückkahm, holte

Tanner aus einer Schublade gerade einige kleine Holzspachtel hervor.

"Damit sollte es gehen", sagte er. "Ich werde die Hand jetzt

notdürftig schienen. Aber Sie sollten sie unbedingt einem Arzt

zeigen. Ah, danke Miss Vincent."

Tanner öffnete den Koffer, und entnahm ihm eine Schere und

Verbandszeug. Dann machte er sich daran, Mistys Hand zu schienen.

Rally erkannte, dass Tanner dies nicht zum ersten Mal machte, oder es

zumindest schon geübt hatte. Tanner führte die Arbeit sauber und

professionell durch. Danach nahm er das Gespräch wieder auf:

"So. Jetzt hätte ich doch eine kleine Frage an Sie: Was machen Sie

eigentlich hier?"

"Ich dachte, Sie hätten uns erwartet?", entgegnete Rally schnippisch.

"Nun ja, mir ist durchaus aufgefallen, dass Ihr Interesse an mir über

eine normale Kundenbeziehung hinaus geht. Aber warum, das würde ich

schon gerne wissen."

Rally überlegte kurz, und entschied dann, in die Offensive zu gehen.

Sie nahm eine Wanze aus der Jackentasche, und warf sie auf den Tisch.

Es war diejenige, die Misty im Laden gefunden hatte.

"Das ist doch Ihre, oder?", fragte sie.

Tanner nahm die Wanze auf, und betrachtete sie ein wenig.

"Ja, das ist meine Bauart", sagte er schliesslich. "Ich habe eine

Reihe davon verkauft. Sie hatten wohl Ärger mit jemandem."

"Die haben wir unmittelbar nach ihrem ersten Besuch in meinem Laden

gefunden. Und die Batterie war noch taufrisch. Vielleicht möchten Sie

uns ja erzählen, warum Sie uns nachspionieren."

Tanner seufzte. Dann schmiss er die Wanze in einen bereitstehenden

Abfallkorb, und stand auf.

"Ich schätze, das wird etwas länger dauern. Kaffee?"
 

Ein paar Minuten später hatte Tanner drei Tassen dampfenden

Cappuccino auf den Tisch gezaubert. Misty war froh darüber, hatte sie

doch vorhin den Kaffee wegschütten müssen. Rally hingegen war

ungeduldig, und wollte endlich ihr Gespräch mit Tanner fortsetzen.

"So, das hätten wir", sagte Tanner, als er die Tassen abgesetzt

hatte. "Vorsicht, er ist noch heiss."

"Also, wie siehts aus?", fragte Rally.

"Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie dürfen mir einige Fragen

stellen, und ich werde sie wahrheitsgetreu beantworten, sofern dies

meine Sicherheit nicht gefährdet. Als Ausgleich dafür will ich von

Ihnen ein Ehrenwort als Prämienjägerin, dass sie mich nicht weiter

bespitzeln werden. Ist das ein Angebot?"

"Woher soll ich Wissen, ob Ihre Auskünfte für mich ausreichend sind?

", fragte Rally.

"Das kann ich natürlich nicht garantieren. Aber sie werden in

nützlicher Frist auch nicht mehr über mich rausbekommen. Ich bin ganz

gut darin, meine Spuren zu verwischen."

Das war keineswegs übertrieben, und Rally wusste das. Immerhin war

Becky bereits seit Wochen auf der Jagd nach Informationen über

Tanner.

"Also gut", sagte Rally schliesslich. "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,

dass ich Ihnen nicht weiter nachspionieren werde."

"Und auch niemanden damit beauftragen", sagte Tanner.

"Einverstanden."

"Miss Hopkins auch nicht."

"Gut."

"Und sie Miss...", sagte Tanner zu Misty.

"Brown", antwortete sie.

"Für Sie gilt dasselbe."

Misty schaute zu Rally, aber Rally nickte nur kurz.

"In Ordnung", sagte Misty.

"Na, dann schiessen sie mal los."
 

"Gut", sagte Rally. "Zunächst einmal: Wollen Sie denn überhaupt

nichts über mich wissen?"

"Nein", sagte Tanner. "Und selbst wenn, würde ich es auch so

herausfinden. Ich bin nämlich auch noch Informant, wissen Sie."

"So einfach bin ich nicht auszuspionieren."

"Und ob. Sie sind zwar eine hervorragende Prämienjägerin, aber vom

Spuren verwischen haben Sie nicht so viel Ahnung Miss Eileen

Vincent."

"Eileen?", fragte Misty.

Rally versuchte, es nicht zu zeigen, aber sie erschrack fürchterlich.

Eileen war ihr wirklicher Name. Wenn Tanner den wusste, dann kannte

er vermutlich auch ihr wahres Alter. Und damit hatte er etwas gegen

sie in der Hand, denn Rally war nach amerikanischem Recht eigentlich

noch minderjährig, und durfte somit keinen eigenen Laden führen. Von

ihrem Waffenbesitz, und ihrer Tätigkeit als Prämienjägerin ganz zu

schweigen.

"Für wen Arbeiten sie denn als Informant?", fragte Rally etwas

nervös.

"Och, eigentlich nur noch für mich selbst. Früher hatte ich mal fest

für eine bestimmte Organisation gearbeitet, aber natürlich kann ich

ihnen nicht sagen, wer das war."

"Natürlich", sagte Rally erleichtert. Sie nahm einen Schluck vom

Kaffee, spie ihn aber beinahe wieder aus.

"Meine Güte, ist der stark!", rief sie.

Misty versuchte ebenfalls davon. Auch ihr zog es jeden Gesichtsmuskel

zusammen.

"Kann man danach überhaupt noch schlafen?", fragte sie.

"Natürlich", meinte Tanner leicht amüsiert. "In meiner Heimat trinkt

man den immer so stark. Nur halt nicht literweise. Der hier gehört

noch zu den Schwächeren."

"Können Sie uns Ihren Heimatort etwas genauer umschreiben", fragte

Rally, während sie vorsichtig am Kaffee nippte.

"Mitteleuropa", sagte Tanner kurz angebunden.

"Und ihr wahrer Name?"

"Meine Identität muss geheim bleiben."

"Ihre Pseudonyme vielleicht?"

"Ich hab noch ein paar weitere. Aber es sind aus gutem Grund

verschiedene. Die Leute, mit denen sie Umgang pflegen, kennen mich

alle unter dem Namen Tanner."

"Na schön. Warum sind sie überhaupt hier?"

"Ich musste aus Europa fliehen."

"Warum?"

"Vergessen Sies."

Rally seufzte. "Also, besonders kommunikativ sind Sie ja nicht!"

Tanner schaute sie einige Zeit eindringlich an. Rally hielt dem Blick

stand.

"Bleibt das unter uns?", fragte Tanner schliesslich.

"Natürlich."

"Keine Scherze bitte. Miss Hopkins können Sie von mir aus

informieren. Aber wenn sie es sonst jemandem sagen, bringen sie mich

in ernsthafte Gefahr, verstanden?"

Rally zögerte kurz, nickte dann aber. Das bedeutete natürlich, dass

sie Becky nichts sagen durfte. Aber sie war einfach viel zu

neugierig, um sich diese Informationen entgehen zu lassen.

"Gut," sagte Tanner. "Ich habe als Informant für ein Syndikat

gearbeitet. Ich hatte auch Verbindungen zu verschiedenen hohen

Tieren, sowohl in der Unterwelt, wie auch in offiziellen Stellen.

Tja, vermutlich hätte ich eine glänzende Unterweltskarriere vor mir

gehabt."

Rallys Augen verengten sich. Tanner war anscheinend ein

'Puppenspieler'. Jemand, der andere für sich die Drecksarbeit

erledigen liess, und selten selbst in Erscheinung trat. Sie mochte

solche Leute nicht besonders.

"Was ist passiert?", fragte sie.

"Tja, ich kannte unter anderem den Sohn eines Syndikatbosses. Er

hätte später höchstwahrscheinlich das Syndikat übernommen. Wenn er

nicht ermordet worden wäre. Irgendwie sind seine Mörder auf meine

Verbindung zu ihm gekommen, also haben sie versucht, auch mich zu

beseitigen. Ironisch, nicht wahr? Die Verbindung, die mir später

Kontakt zur absoluten Spitze garantiert hätte, wurde mir zum

Verhängniss."

Rallys Mundwinkel zogen sich etwas nach oben. Irgendwie befriedigte

es sie, das selbst jemand wie Tanner nicht unbesiegbar war.

"Die Mörder legten einen Brand, um den Mordversuch zu vertuschen,

nicht wahr?", fragte sie.

Tanner zuckte unmerklich zusammen.

"Ja, das haben sie", sagte er.

Dann nahm er einen grossen Schluck Kaffee.

"Bis hierhin und nicht weiter. Mehr werde ich Ihnen dazu nicht

sagen."

"Schon gut, wechseln wir das Thema."
 

"Wir haben Sie beobachtet, wie sie mit einem Mann aus dem Vector

Syndikat gesprochen haben. Was ist Ihre Beziehung zu diesem Syndikat?"

"Oh, dann waren *Sie* das gestern. Nun, ich arbeite gelegentlich für

das Syndikat."

"Haben die Wanzen im Laden damit etwas zu tun?"

"Nur zum Teil. Ich habe einige an Vector verkauft, und er hat sie

offensichtlich gegen Sie eingesetzt. Ich selbst habe lediglich

routinemässig zwei platziert, als ich hinter Tom her war."

"Zwei?"

"Ach ja, wenn ich mich recht entsinne, haben Sie nur die an der Theke

gefunden. Die andere ist am Schaukasten mit den alten Pistolen."

"Hmpft. Na schön. Aber warum arbeiten Sie überhaupt für ihn?"

"Weil ich ein neues Beziehungsnetz brauche, wenn auch diesmal nur für

Informationen. Vector ist häufig einer der ersten, der von Bewegungen

im Untergrund erfährt. Ausserdem... brauche ich das Geld. Die Flucht

hat mich viel gekostet."

"Waren Sie damals der Schütze, der auf Arthur Cogan geschossen hat?"

"Ja, das war mein Auftrag. Ich sollte sicherstellen, das Cogan

geschnappt wird, ohne ihn selbst zu töten. Eigentlich hatte ich mit

Stevensons Leuten gerechnet, die allesamt Amateure waren, also ging

ich auf Nummer Sicher."

"Und was war mit dem Schuss durch Thomas Martins Uzi vor Stevensons

Hauptquartier? Waren Sie das auch?"

"Ja. Vector wollte, das sie sicher wieder raus kommen."

Das überraschte Rally. "Vector wollte uns helfen?"

"Naja, so wie ich ihn kenne, war nicht die Sorge um Sie im

Vordergrund. Ich vermute eher, er hat sich Sorgen um das Gelingen der

Mission gemacht. Wenn sie geschnappt worden wären, hätte das nicht

mehr zur Story gepasst, das Stevenson die Vorräte selbst vernichtete,

damit sie nicht der Polizei in die Hände fallen."

"Ja, das entspricht eher Vectors Charakter. Und die Jagd nach Tom,

nachdem er geflohen war, war wohl auch auf sein Kommando hin?"

"So ist es. Eine erfolgreiche Flucht hätte die Untersuchung weiter

verzögert. Und Vector wollte sie so schnell wie möglich abgeschlossen

haben."

Rally trank den Kaffee aus. Sie vermutete zwar, dass sie damit den

Koffeinbedarf für die gesamte, nächste Woche abdeckte, aber sie

wollte auch nicht unhöflich erscheinen.

"Nun gut, mehr will ich gar nicht wissen", sagte sie, und stand auf.

"Danke für den Kaffee."

"Sie sind jederzeit willkommen. Jedenfalls, solange sie keinen

Dietrich verwenden, um hier reinzukommen."

"Das brauchte schon mehr als einen Dietrich", sagte Misty mit einem

doch etwas gekränkten Unterton.

Sie trank ebenfalls aus, und stand auf, vergass aber für einen

Augenblick die Bandage, und stützte sich auf die rechte Hand. Der

Schmerz liess das Wasser in ihre Augen schiessen.

"Vergessen Sie nicht, Ihre Hand einem Doktor zu zeigen", erinnerte

sie Tanner. "Oh, und Miss Vincent: Falls Sie mein Gespräch mit dem

Angestellten Vectors mitgehört haben sollten: Halten Sie sich besser

aus dem Fall raus. Er ist eine Nummer zu gross für Sie."
 

Tags darauf führte May wieder den Laden. Rally hatte Misty zu einem

Arzt gefahren, und danach ein Treffen mit Becky ausgemacht, um sie

über die Resultate ihrer Nachforschungen zu informieren. Sie war

schon den ganzen Vormittag weg. Kurz nach Mittag endlich hörte May

das vertraute Motorengeräusch von Rallys Cobra. Einige Minuten später

stand Rally im Laden. Sie sah etwas mitgenommen aus.

"Hallo Rally", sagte May. "Wo hast du Misty gelassen?"

"Tag May. Misty ist direkt nach Hause", antwortete Rally.

"Wie geht es ihr?"

"Den Umständen entsprechend gut. Sie hat ihre Hand fixiert bekommen.

In ein paar Wochen sollte alles verheilt sein."

"Tja, Tanner springt nicht gerade zimperlich mit Leuten um, die an

seine Papiere wollen, was?"

"May... Ach übrigens: Hast du die Wanze gefunden?"

"Ja. Sie war dort, wo Tanner es gesagt hatte."

Rally nickte, sagte aber nichts weiter.

"Sag mal Rally, wie hat es Becky eigentlich aufgenommen?", fragte

May.

Rally seufzte. "Nicht besonders gut. Sie hat mir eine Standpauke

gehalten, weil ich mich von Tanner habe erwischen lassen. Und dass

ich mich aus der Sache zurückziehe hat ihr erst recht nicht in den

Kram gepasst. Sie hat mir vorgeworfen, ich würde mich nur

zurückziehen, weil ich alle für mich selbst wichtigen Informationen

zusammen habe."

"Oh je. Und die Informationen, die du ihr gegeben hast?"

"Damit war sie natürlich auch nicht zufrieden. Naja, so viel wars ja

auch nicht."

"Hast du ihr die Sache mit Tanners Vorgeschichte verschwiegen?"

"Jaaa."

"Du weisst, wenn du es ihr gesagt hättest, wäre sie vielleicht

zufrieden gewesen."

"Ich pflege meine Versprechungen zu halten!", sagte Rally gereizt.

"Schon gut. Schon gut. Aber wie sieht es jetzt mit Kohle aus?

Immerhin haben wir einigen Aufwand betrieben."

"Becky hat mir fünf Riesen in die Hand gedrückt, und mich

rauskomplimentiert."

"5000?! Das ist wenig! Wir haben wegen der Sache mit Tanner

vielleicht Aufträge sausen lassen, die mehr einbrachten, und

einfacher gewesen wären!"

"Ich weiss. Es ist mit Sicherheit zuwenig. Es sind 10 Prozent vom

geschätzten Wert der Informationen, bevor wir unsere Nachforschungen

begonnen haben. Ausgemacht waren 20 Prozent vom entgültigen Wert.

Aber ich wollte Becky so schnell wie möglich loswerden. Tut mir

leid."

"Schon gut, das lässt sich jetzt wohl nicht mehr ändern. Wenigstens

haben wir jetzt erstmal wieder unsere Ruhe."

Rally nickte lächelnd, aber irgendwie hatte sie so ihre Zweifel.

Tanners Worte liessen sie darauf schliessen, dass irgend etwas

grosses im Anzug war. Irgend etwas, dass die Ruhe der Stadt

nachhaltig stören würde. Sie vermutete, dass die Geschichte noch

lange nicht vorbei war. Und wie so häufig, sollte sie damit recht

behalten.



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Kommentare zu dieser Fanfic (11)
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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Spirit-
2009-04-08T16:03:18+00:00 08.04.2009 18:03
Der Prolog klingt vielversprechend^^
Von: abgemeldet
2005-05-07T15:12:51+00:00 07.05.2005 17:12
Ist ne super Story wäre schade wenn du sie auf eis legst...hoffe du schreibt mal weiter
Von: abgemeldet
2004-12-11T13:30:28+00:00 11.12.2004 14:30
Eine gute Story gut ins detail geganen respeckt bei Tenners waffe hab ich schon lange überlegen müssen welche art er hatt. Bin schon gespannt auf die Fortsetzung hoffentlich dauert es nicht zu lange.
Von:  HorusDraconis
2004-10-25T10:48:56+00:00 25.10.2004 12:48
Gefällt mir. Wann gehts weiter? Bitte um kurze Info, wenns weiter geht.
Von: abgemeldet
2004-01-19T21:14:52+00:00 19.01.2004 22:14
Sorry, ich komm einfach nicht zum schreiben. ;_;

Aber ich hab ein weiteres Kapitel fast fertig. Endlich.
Von:  HorusDraconis
2003-11-28T09:42:22+00:00 28.11.2003 10:42
Geile Story, wann gehts weiter?
Von:  Nostradamus_MB
2003-09-17T14:52:15+00:00 17.09.2003 16:52
wirklich sehr gut diese story, jedoch hat sie einen kleinen "nervigen" fehler. im kapitel 7 wiederholt sich das ende andauernt, es wäre praktisch, wenn du die überflüssigen sätze löschen würdest... ^^

die charas sind dir gut gelungen und überhaupt nicht occ (mal eine seltenheit - du bist damit nicht gemeint). ebenso ist sie auch "gut komplex". was vector angeht fand ich es in den ersten sätzen etwas übertrieben, aber wenn man so an das original denkt, ist er nicht so unpassend wie ich erst dachte.

ich würd mich sehr freuen wenn du weiter schreibst

nos / michel
Von: abgemeldet
2003-01-29T19:50:54+00:00 29.01.2003 20:50
gut, gut, gut!!! ich fand sie wirklich gut!!!
Von: abgemeldet
2003-01-10T20:19:13+00:00 10.01.2003 21:19
Ich hab sie auch gerade erst gesehen und finde die Story klasse. Ich hoffe das sie auch noch vortgesetzt wird.
Von: abgemeldet
2002-09-20T23:16:06+00:00 21.09.2002 01:16
Ich kann mich Th3Ripp3r (puh, schwieriger Name ;-D) nur anschließen. Dein Stil passt wie die Faust aufs Auge zu Gunsmith Cats, also, ich freue mich schon auf eine Fortsetzung.


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